Lobbyistin der Gottoffenheit

Foto: Screenshot ekir.de

Das Impulspapier ‚Lobbyistin der Gottoffenheit‘ der rheinischen Kirche wirbt für radikalen Wandel. Knut Dahl-Ruddies, Landessynodaler aus dem Kirchenkreis Bad Godesberg-Voreifel, ordnet das Papier ein:

Die Reflexe auf das Impulspapier der evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR) waren abzusehen. Obwohl die Synode den Text des Theologischen Ausschusses mit großer Mehrheit angenommen hat, melden sich kritische Stimmen. Natürlich auch in den eigenen Reihen. Der erste Schritt ist also getan: Es wird über die gegenwärtige Stellung und die Zukunft der „Kirche“ diskutiert. Also eigentlich mehr über die gegenwärtige Stellung als darüber, wohin die Reise gehen soll.

Kein „Weiter so!“

Über den Titel mag man streiten, über die Sprache sich ereifern. Man darf einen Satz herausgreifen und sogar Halbsätze zitieren, in denen das Wort „Muezzinruf“ in Nachbarschaft mit „Glockengeläut“ zu finden ist. Auch über den Begriff „Volkskirche“ kann lange und breit gestritten werden. Der Zeitkorridor, der dazu noch bleibt, wird aber immer enger. Schließlich ist das „Schiff, das sich Gemeinde nennt“ schon länger ein Super-Tanker, den so schnell kein Sturm vom Kurs abbringt.

Und genau an diesem Problem setzt das Papier an: „Weiter so!“ geht nicht, auch wenn wir es gerne hätten (kirchliches „wir“ ist immer schwierig). In erster Linie hat die Synode diese Einsicht bekräftigt und das ist auch gut so. Der augenblickliche Stand der Diskussion beschränkt sich meist auf die Bestreitung dieser Ausgangssituation. Selbst prominente Vertreter:innen, die übrigens in der ganzen Zeit ihres kirchlichen Wirkens aus dem Vollen schöpfen konnten, werden den Vorwurf der eigenen kirchlichen „Verzwergung“ in ähnlicher Weise bestätigt finden können wie in den Leitsätzen der EKD.

Knut Dahl-Ruddies (Foto: privat)

Veränderung als theologische Aufgabe

Ist es sinnvoll, darüber zu streiten, wann der richtige Zeitpunkt für einschneidende Veränderungen gekommen ist? Eine Kirche, die sich das „semper reformanda“ auf die Tagesordnung gesetzt hat, sollte mit Veränderungen eigentlich keine Probleme haben. Wenn es aber um den eigenen „Dominanzverzicht“ (Präses Manfred Rekowski) geht, steht man noch ganz am Anfang der Überlegungen oder blendet die geltende Rechtslage ganz aus.

Dabei geht es darum, „das ‚Minderheitskirche-Werden‘ als theologische Aufgabe anzunehmen“ (S. 4). Es geht darum, „gemeinsam und einander ermutigend ein evangelisches Selbstverständnis zu entwickeln und zu bewahren, aus dem heraus Kirche Chancen der Wirksamkeit an öffentlichen Orten ergreift, auch wenn diese zeitlich begrenzt sind“ (S. 17). Denn das „öffentliche Handeln und die öffentliche Wirkung der Kirche sind nicht Selbstzweck und bestimmen nicht über die Relevanz des Evangeliums. Dessen Wahrheit hängt nicht von der Menge seiner Anhänger und Hörerinnen ab. Die Mitarbeitenden der Kirche wissen das. Und trotzdem wird der Verlust von Möglichkeiten von manchen als persönliches Scheitern empfunden. Nicht jede Krise lässt sich als Chance begreifen. Darum gehört zum öffentlichen Handeln der Kirche auch öffentliches Abschiednehmen“ (S. 18).

Debatte ist nötig und dringlich

Die Notwendigkeit und Dringlichkeit einer innerkirchlichen Debatte besteht, da die bisherigen Bemühungen einer Konsolidierung darauf gerichtet waren, die „volkskirchliche Gestalt der Kirche in kleinerem Maßstab zu erhalten“ (S. 19). Die Prozesse dieser Strukturanpassungen dürfen nicht mehr sein, denn die „Belastung der Mitarbeitenden in Haupt- und Ehrenamt steigt durch weiteren Optimierungsdruck endgültig über das erträgliche Maß, die Ausdünnung der Arbeit in der Fläche führt zu Qualitätseinbrüchen und Beziehungsverlusten, die dauernde Beschäftigung mit sich selbst gefährdet die geistliche Integrität und Kraft der Kirche“ (S. 20). Die neue Fragerichtung darf nicht mehr sein „Wie können wir möglichst viel der Kirche von heute erhalten? sondern eher: Was können wir tun, um die Samenkörner einer Kirche von morgen zu säen?“ (ebd.). Inwiefern es gelingt, sich durch den Heiligen Geist verändern zu lassen, muss sich durch gemeinsames Nachdenken und geschwisterlichen Gedankenaustausch erst zeigen“ (S. 22).

Wer diese Dringlichkeit verneint, muss sich allerdings in naher Zukunft vielleicht schon fragen lassen, warum er das Öl in den Lampen verschleudert und sich schlafen gelegt hat. (Mt. 25,8b)

Knut Dahl-Ruddies, Jahrgang 1967, ist Gefängnisseelsorger in der JVA Euskirchen. Der Landessynodale kennt den Kirchenkreis aus verschiedenen Perspektiven: Vikariat in Godesberg, Gemeindepfarrer in Euskirchen und später Meckenheim. 2015 wechselte er in die JVA. Er hat den Kirchenkreis wiederholt in der Öffentlichkeitsarbeit unterstützt, ebenso die Landeskirche bei ihrer Digitalstrategie. Der Theologe spricht regelmäßig Andachten im Radio und ist ausgebildeter „Change Agent“. Dabei gilt es, Veränderungsprozesse gut zu moderieren.

Geschrieben von Dr. Uta Garbisch am 09. Februar 2021