Lebenshilfe in Zeiten von Corona

Besonders in Corona-Zeiten ist die Beratungsstelle für Ratsuchende eine zentrale Anlaufstelle. Foto: Jennifer Trierscheidt

Die Evangelische Beratungsstelle Bonn trotzt dem Stillstand. Wie die Beratungsarbeit in Zeiten von Corona weiterläuft und die unterschätzten Folgen von Social Distancing erlebt, berichtet in einem berührenden Beitrag Jennifer Trierscheidt:

„Wie ist es Ihnen zuletzt ergangen?“ fragt sie, kurz nachdem Klient Herr Schneider (Name geändert) auf dem roten Stuhl Platz genommen hat. Die Therapeutin bemerkt seine schlaff herunterhängenden Schultern, die den schmalen Oberkörper einrahmen und den ohnehin gekrümmten Rücken betonen. Wie immer braucht es auch heute einige Augenblicke, bis er sich gesammelt hat und in die Gesprächssituation findet. Sein Blick wandert vom Boden zum Fenster. Dann beginnt er, zu erzählen.

Trotzen mit ihrem Team dem Stillstand: Christiane Wellnitz und Beratungsstellenleiter Thomas Dobbek. Foto: Jennifer Trierscheidt

Lupe

Vor etwa einem Jahr fand Herr Schneider den Weg in die Evangelische Beratungsstelle für Erziehungs-, Jugend-, Partnerschafts- und Lebensfragen. Der heute alleinerziehende Vater von zwei Söhnen bringt eine Geschichte mit, die andere nur aus dem Spätabendprogramm kennen: Drogenexzesse und Sucht, Gewalt, Hoffnungslosigkeit. Als ihm eines Tages bewusst wird, dass sein Lebensweg auch der seiner Kinder zu werden droht, löst er sich aus seinem alten Leben und versucht mit seinen Söhnen den Schritt in ein neues. Einfach war und ist es bis heute nicht. Seine Überlebensstrategie: das Festhalten und sich entlang Hangeln an den Strukturen des Alltags und öffentlichen Lebens. Das beginnt beim Klingeln des Weckers, führt zum Zubereiten des Frühstücks für die Kinder und dem nächsten Termin beim Zahnarzt. Diese Pfeiler sind für Herrn Schneider wie Wegweiser, die ihn durch sein Leben ohne Rausch leiten. Sie sind beständig, zuverlässig. Sie schaffen die Ordnung, die ihn in der Bahn hält.

Ein Netzwerk der Hilfe spannen

Regelmäßig begegnen dem Team der psychologischen Beratungsstelle, das aus Therapeut*innen und Berater*innen besteht, Menschen wie Herr Schneider. Manche, die von ihnen begleitet werden, befinden sich seit langer Zeit in einer für sie aussichtslosen Lage, andere werden plötzlich von einem Schicksalsschlag getroffen, der ihr Leben für immer verändert: das Scheitern einer langen Beziehung, die Erkrankung der besten Freundin, der Tod des eigenen Kindes. „Oft nehmen wir in sehr schweren Notsituationen immer ein Stück weit die Funktion eines Netzwerks ein, das Ratsuchende an spezialisierte Einrichtungen weiterverweist. Zum Beispiel bei schwerwiegenden psychischen Problemen, Essstörungen, sexualisierter Gewalt“, sagt Thomas Dobbek, Dipl.-Psychologe und Leiter der Evangelischen Beratungsstelle in Bonn.

Ob zu Hause oder im Büro: ein Telefonat ist flexibel umsetzbar – schafft aber Distanz. Foto: Jennifer Trierscheidt

In einen Zustand der Ohnmacht gestürzt

Und wenn Menschen in ihren unter Umständen emotional schwer auszuhaltenden Situationen zusätzlich von einer Krise größeren Umfangs getroffen werden – dann brauchen sie mehr denn je beratende Hilfe und Unterstützung. Doch erfuhren viele von ihnen durch die Coronavirus-Pandemie im Moment der größten Not Gegenteiliges: Beratungsstellen stellten kurzfristig ihren Betrieb ein, Seelsorgetelefone waren überlastet, Kliniken verweigerten die Neuaufnahme. Schulen, Kitas, Sportvereine: geschlossen. Freunde, Familie, Nachbar*innen: unbedingt meiden. #WirBleibenZuhause war die Stimmung des Lockdowns. Über mehrere Wochen hinweg schienen alle Welt und das öffentliche Leben den Atem anzuhalten. Stillstand. „Die Hilflosigkeit im Angesicht dieser humanitären Krise barg die Gefahr jene, die bereits in einer Krise verharrten, in einen Zustand der Ohnmacht zu stürzen“, so Dobbek. Gleichzeitig betonten andere Stimmen, wie viel Positives sie dem Ganzen abgewinnen könnten. Jetzt, da sie endlich mal zur Ruhe kommen und dem Freizeitstress entfliehen könnten.

Wie Herr Schneider wohl darüber denkt? Auf sich alleine gestellt, ohne Wegweiser, die dem Alltag eine Ordnung geben. Sein Arbeitsplatz stellt kurzzeitig den Betrieb ein. Zuhause soll im eigenen Wohnzimmer der Schulalltag seiner Kinder simuliert werden. Und damit wird der ursprüngliche Anspruch, seine Kinder durch das Leben zu begleiten, von schier unüberwindbaren Aufgaben überflutet. Den Alltag alleine gestalten und strukturieren? Wäre es an dieser Stelle nicht einfacher, die Coronakrise mit all ihren kleinen zusätzlichen Krisen mit dem vertrauten, dumpfen Gefühl zu betäuben, das der Wodka vom Discounter um die Ecke früher so zuverlässig bewirkte?

„Die Pandemie hat die Ausgangssituation unseres Systems, in dem Hilfe in jeglicher Form jederzeit und für jeden zugänglich ist, vor allem zu Beginn erschwert und damit auch unsere Arbeitsweise. Wie der Klientin helfen, wenn die Tagesklinik schließt, die ihr kleiner Sohn so dringend braucht? Wie helfen, wenn Grenzen jegliche Hilfe verhindern?“, gibt Christiane Wellnitz, Familientherapeutin und stellvertretende Leiterin der Beratungsstelle, zu bedenken.

Raum für ein Gespräch

Unter Retraumatisierung versteht man das erneute Erleben eines traumatischen Ereignisses. Durch ähnliche Emotionen und Erlebnisse kann die betroffene Person getriggert werden, sodass sie sich in einem vergleichbaren Zustand befindet wie zur Zeit des Trauma auslösenden Moments.

Seit einem schweren Schicksalsschlag kommt Frau Melek (Name geändert) in die Beratungsstelle. Damals verstarb ihre Schwester nach einem jahrelangen Kampf an Lungenkrebs. Seit der Thematik einer neuartigen Lungenkrankheit in den Medien werden längst bewältigt geglaubte Emotionen an die Oberfläche gespült: die beklemmende Vorstellung von schwer atmenden Menschen in Krankenhausbetten, die Rede von Intensivbetten, Szenen aus Nachbarländern, wo die medizinische Versorgung nicht ausreichend gedeckt ist. Hinzukommend die Unfähigkeit, autonom zu handeln und das Alleinsein – insbesondere durch den anfänglichen Stillstand. Die Vorstellung, selbst an einem Beatmungsgerät angeschlossen zu werden. Die Vorstellung von Erstickung bis hin zum Tod. Angst, verknüpft mit Trauer durch die ständigen Erinnerungen an den langen Sterbeweg ihrer Schwester, können dieses Mal aber nicht durch Ablenkungen wie einen Kinobesuch gemindert werden. Jede Lockerung der Maßnahmen bedeutete für Frau Melek deshalb nicht nur ein Zurück zur Normalität – es bedeutete einen wahren Zugewinn an Lebensqualität.

Digitale und analoge Angebote

Um den direkten Kontakt so gut es nur ging in direkter Form zu vermeiden und damit zum Schutz vor Corona beizutragen, stellte die Beratungsstelle ihre Arbeit ab Mitte März fast ausschließlich auf telefonische Beratung sowie Videotelefonie um. Auch wurde eine E-Mail-Beratung eingerichtet, die es Hilfesuchenden bis jetzt erlaubt, vollkommen anonym direkt mit einer Fachkraft ins Gespräch zu kommen. Damit wurde nicht nur das Hilfsangebot aufrechterhalten, sondern dem Stillstand des sozialen und teilweise auch therapeutischen Lebens getrotzt. Je schneller Hygienestandards eingeführt wurden, desto eher integrierte das Team diese in die Arbeitsabläufe und lud Klient*innen wieder in die Räume der Beratungsstelle ein. Ein Großteil der Ratsuchenden bevorzugte den direkten, persönlichen Kontakt und nicht für alle Lebenslagen waren und sind die erweiterten Angebote ein Vorteil.

Für Frau Melek war der Weg in die Beratungsstelle wieder ein Schritt zurück zur Normalität. Aber aus welchem Grund nehmen Menschen lieber eine Anfahrt in Kauf, anstatt es sich zu Hause auf dem Sofa gemütlich zu machen, mit einem Kaffee in der einen und dem Telefon in der anderen Hand?

Über die alternativen Beratungsformen – telefonisch, im E-Mail-Verkehr oder über Videotelefonie – steht das Team der Beratungsstelle weiterhin beratend zur Seite. Doch häufig ist die physische Anwesenheit des Gegenübers unersetzlich. „Manches intime Thema, eine traumatische Erinnerung oder ein schwer zugängliches Gefühl lassen sich im direkten Kontakt leichter ansprechen“,  erläutert Dobbek. Denn die anwesende Person kann einerseits alleine durch ihre Präsenz ein Sicherheitsgefühl erzeugen, das ihre Klient*innen auffängt. Menschen neigen dazu, unbewusst die Körpersprache des Gegenübers zu spiegeln. Bei einem aufbrausenden Thema, so Dobbek, vermag ein*e Therapeut*in, Ruhe und Geborgenheit auszustrahlen: „Die beratende Person lässt die Ratsuchenden ihre Empathie und Anteilnahme spüren – während eines Telefonats dagegen gestaltet sich aktives Zuhören als Herausforderung.“ Auch im Videochat kann sich das unter Umständen als schwierig erweisen. Die Verbundenheit und das Vertrauen zwischen Klient*in und Berater*in bzw. Therapeut*in wird im direkten Austausch intensiver und authentischer empfunden. Diese hilfreichen Medien werden wohl oftmals eine Distanz innehaben, die schwer überwunden werden kann. In akuten Notsituationen hingegen treten mediale und schnell umzusetzende Kommunikationsmöglichkeiten in den Vordergrund. Diese werden noch über viele Monate hinweg präsent sein und möglicherweise im Winter wieder einen größeren Platz einnehmen.

Vertrauen, Toleranz und Akzeptanz

Das Beratungszimmer ist ein Raum voller Vertrauen, Offenheit, Toleranz und Akzeptanz. Die Intimität und Neutralität zwischen den Gesprächspartner*innen werden nicht nur durch die Schweigepflicht gestärkt. Die gewohnte Umgebung, zum Beispiel die eigene Wohnung, und damit eine Komfortzone zu verlassen, bedeutet auch, sich von Gedanken und vielleicht sogar Glaubenssätzen losreißen zu können. Das Betreten des Beratungszimmers ist manchmal das Überschreiten einer Schwelle aus Scham und Hoffnungslosigkeit. Emotionale Mauern, die im gewohnten Umfeld fest bestehen, dürfen hier eingerissen werden. Auch kann die Distanz zu anderen Räumen des Zuhauses hilfreich sein. Ein Wohnzimmer, das gestern noch Schauplatz eines lautstarken Streits war, soll heute das Beratungszimmer ersetzen? Wie jetzt die Situation unbefangen und distanziert reflektieren?

„Wie unsere Klient*innen den Lockdown erlebten, prägt die Beratungsarbeit noch heute“, so  Wellnitz. Es machte zuweilen sprachlos, brachte das Team an vorher nicht gekannte Grenzen, wenn aus der Stagnation Handlungsunfähigkeit wurde. „Und deshalb wollten wir nicht Teil des Stillstandes sein, sondern Halt geben für Jene, die in dieser Ausnahmesituation mehr denn je auf Hilfe angewiesen sind“, betont sie.

 Zurück im Beratungszimmer

Der Ausdruck in Herrn Schneiders Gesicht ist gegen Ende des Gesprächs gelöster. Kurz nach dem Lockdown hatte er regelmäßig mit seiner Therapeutin telefoniert. Die Anrufe hatten ihn aus seiner Schockstarre hin zu einer neuen Wochenstruktur geführt, die ihn über längere Zeit hinweg durch den Alltag geleitet hatte. Trotz Isolation hielt er sich abseits von alten, schlechten Bekanntschaften und Gewohnheiten. Die innere Leere, die ihn zu Beginn umtrieb, ersetzte er durch ein kreatives Projekt und richtete in seinem Haus Platz für ein Lesezimmer ein. Doch neben all den positiven Entwicklungen der vergangenen Monate schaut er besorgt auf die aktuelle Situation. Über den Anstieg der Infektionszahlen und lauter werdenden Stimmen, die protestierend durch Berlin marschieren, macht er sich seit Tagen Gedanken. Die Frage, wie er einem erneuten Lockdown begegnen würde, hebt er sich jedoch für das nächste Gespräch auf.

Kontakt Evangelische Beratungsstelle

www.beratungsstelle-bonn.de

Tel. 0228 6880150 oder beratungsstelle@bonn-evangelisch.de

Geschrieben von Dr. Uta Garbisch am 02. Oktober 2020