„Du kannst etwas tun.“

Bad Münstereifel: Gut 100 Tage ist es her, dass die Flut wie ein Tsunami durch den Ort raste. Die Aufräumarbeiten laufen, doch viele Menschen brauchen weiterhin Unterstützung. Finanziell und für die Seele. Pfarrer Frank Raschke ist dort seit vielen Jahren Pfarrer. In der WDR2-Andacht von heute erzählt er von seiner Arbeit. Und was das alles mit ihm selbst gemacht hat. Denn er hat erlebt: „Du kannst etwas tun.“ Der Beitrag ist zu finden bei Kirche im WDR.

Autorin Uta Garbisch zählt seit 2019 zum Team von „Kirche zum Hören“. Das sind meist Theolog:innen, die regelmäßig Andachten für den WDR-Rundfunk schreiben und produzieren. Zu hören war der Beitrag morgens um 5.55 Uhr. Wer das verpasst hat, kann alle Beiträge im Autor:innen-Archiv nachhören oder nachlesen.

Die aktuelle Andacht von Freitag, 22. Oktober 2021: „Du kannst etwas tun.“

Bereits gestern, Donnerstag, 21. Oktober, erschien dort Hoffnungsträgerin.

Nach dem Hochwasser: Präses besucht Bad Münstereifel

Vor Ort in Bad Münstereifel im Gespräch: Pfarrer Frank Raschke (li.), Pfarrerin Judith Weichsel mit Präses Thorsten Latzel. Foto: Uta Garbisch

„Das Wasser sitzt noch immer in den Wänden, und es steckt – bildlich gesprochen – den Menschen in den Überschwemmungsgebieten noch in den Knochen“, sagt Präses Dr. Thorsten Latzel in Bad Münstereifel. Und sicher nicht nur dort. Mitte September, acht Wochen nach dem verheerenden Unwetter vom 14. und 15. Juli, ist er wieder durch das Kirchengebiet gereist. Eine Station war die Kirchengemeinde Bad Münstereifel.

„Man hört schon viel …“ Gemeindesekretärin Claudia Zwingmann zahlt in der Kirchengemeinde Bad Münstereifel jeden Mittwoch Soforthilfe an Hochwasser-Geschädigte aus. Und die Menschen, die zu ihr kommen, kommen nicht nur wegen des Geldes. Sie wollen reden. Über die Nacht, in der nicht nur die malerische Einkaufsstraße im Herzen der Altstadt zerstört wurde. Über die Nacht, in der Menschen vor den Augen anderer Menschen ertranken und niemand helfen konnte. Die Menschen in der großen Runde am Tisch im Gemeindehaus berichten dem Präses von dem, was sie selbst betrifft: von den Verwüstungen im eigenen Haus, von Wochen ohne Strom und Wasser, von der Heizung, die noch nicht wieder funktioniert, von den Erlebnissen, die ihnen andere erzählen.

Lutz Nelles ist psychologischer Psychotherapeut. Er ist Teil des Netzwerks Psychosoziale Hilfe Bad Münstereifel, das sich aus privater Initiative nach der Katastrophe gegründet hat. 65 Fachleute gehören inzwischen dazu, 250 bis 300 Therapeuten haben über das Netzwerk Akuttermine angeboten, um belasteten Menschen zu helfen. „Mein erstes Gespräch habe ich mit einem Feuerwehrmann geführt, der erfolglos versucht hat, Menschen zu retten“, berichtet Nelles. Auch die anderen im Netzwerk Aktiven hören viele Geschichten. Da brauchen die Hörenden und Helfenden, die inzwischen in katholischer und evangelischer Gemeinde vernetzt sind, selbst Supervision. Die stellt Rüdiger Maschwitz sicher. Der pensionierte Pfarrer ist von der Evangelischen Kirche im Rheinland als sogenannter Makler in die Region geschickt worden, um Kontakt zu den Gemeinden zu halten und Unterstützungsbedarf zu ermitteln. Bei der Supervision kann er direkt selbst helfen.

Superintendent Mathias Mölleken im Gespräch mit Armin Reichert und Daniela Decker vom Presbyterium. Foto: Uta Garbisch

Das ist auch Superintendent Mathias Mölleken wichtig. Er sorgt sich um die Überlastung der Mitarbeitenden, nicht nur in Bad Münstereifel. Denn insgesamt sind die Menschen in sieben der 13 Gemeinden im Kirchenkreis Bad Godesberg-Voreifel von den Folgen des schweren Hochwassers betroffen.

„Kaffee, Klönen und Kekse“ ist ein Angebot des Netzwerks überschrieben. Wenn freitags Markt im Ort ist, bieten sie dort offene Ohren und Hilfe an. Auch für diejenigen, die eher im Vorübergehen mit Menschen ins Gespräch kommen, brauche es Hilfe und ein gewisses Maß an seelsorglicher Zurüstung. Präses Latzel hat die Bitte ohnehin schon auf dem Zettel und nimmt sie mit nach Düsseldorf. An diesem Abend fließen auch Tränen, Dankbarkeit über enorme Hilfsbereitschaft kommt zur Sprache, Bilder der Katastrophe werden lebendig.

Der Bad Münstereifeler Pfarrer Frank Raschke beschreibt die Hilfsbereitschaft nach der Flut als atemberaubend. „Das holt das Gute und vielleicht auch das Schlechteste aus den Menschen raus.“ Gemeint sind die Bewohner:innen des vormals beschaulichen Städtchens und die vielen Helfer:innen von außerhalb. Und, dass es leider auch Plünderungen gab. „Doch insgesamt ist die Solidarität riesig.“ Zu den Helferinnen gehört zum Beispiel Daniela Decker, selbst Flutopfer und Presbyterin. Oder Pfarrerin Judith Weichsel, die nach der Flut erst mal das Sparschwein ihrer Kinder ausräumen musste, um überhaupt einkaufen zu können. Denn ohne Strom funktioniert auch kein Geldautomat. Sie alle haben „einfach nur geholfen“, wie Olaf Kohnert, ebenfalls Presbyter, es ausdrückt. Als Finanzkirchmeister verwaltet er die vielen Spenden, die die Kirchengemeinde erhielt und an Flut-Betroffene weitergibt.

Gruppenbild zum Abschluss: Einige der Teilnehmenden des intensiven Austauschs. Foto: Uta Garbisch

Thorsten Latzel betet mit seinen Gastgeberinnen und Gastgebern – wie an allen Orten, die er besucht. Denn mit allem, was bewegt, belastet, zweifeln und hoffen lässt, dürfen und sollen Menschen Gott in den Ohren liegen. Dem Gott, der in der Katastrophe nah bei den Menschen ist. „Christus im Schlamm“, sagt der Präses.

Der gesamte Überblick über drei Tage und die aktuelle Lage an Kyll, Erft, Inde, Ahr und Wupper:
Nach dem Hochwasser: Wie es in rheinischen Gemeinden aussieht erschein auf ekir.de

ekir.de, Jens Peter Iven/gar

Link: Frank Raschke im Interview zur seelsorgerlichen Situation nach dem Hochwasser

Traurig und schön zugleich

Hygiene wird groß geschrieben wie hier in der Martin-Luther-Kirche in Weilerswist. Foto: Erwin Brüggemann

„Endlich sehen wir uns wieder“ – das war gewiss für viele Besucherinnen und Besucher der ersten Gottesdienste vor Ort der bestimmende Eindruck. Am vergangenen Sonntag, 10. Mai, hatten einige Kirchen in Bad Godesberg und der Voreifel ihre Pforten wieder für die sogenannten Präsenzgottesdienste geöffnet. Vier Pfarrer*innen dort schildern ihre Eindrücke so:

Ein gewisses Gefühl von Gemeinschaft – Kirchengemeinde Weilerswist

„Mein Eindruck war, dass sich die Gottesdienstbesucher, die da waren, sehr gefreut haben, wieder in der Kirche feiern zu können und einander wieder zu sehen. Das Singen mit Maske durch einige Mitglieder des Kirchenchores ging erstaunlich gut. Da unsere Kirche nicht so groß ist, gab es trotz Abstandsregeln dennoch ein gewisses Gefühl von Gemeinschaft.

Mundschutz und Abstand sind Gebote im Gottesdienst. Foto: Erwin Brüggemann

Wir hatten ja zwei Kurzgottesdienste angeboten, einen um 10.00 Uhr zur gewohnten Gottesdienstzeit und einen um 10.45 Uhr. Zum ersten Gottesdienst waren einschließlich Pfarrerin, Küster und Kirchenmusiker 22 Gemeindemitglieder da, das bewegt sich im unteren Bereich unserer sonstigen Gottesdienstbesucherzahlen. Von einigen älteren Gemeindegliedern war mir bekannt, dass sie vorläufig keine Präsenzgottesdienste besuchen wollen, wozu ich sie auch ermutigt habe, wenn sie Bedenken haben. Zum zweiten angebotenen Kurzgottesdienst kam nur ein Gemeindemitglied, das gleichzeitig Presbyteriumsmitglied ist. Da die Person sagte, dass wir für Sie nun keinen eigenen Gottesdienst feiern müssten, fiel dieser zweite Termin aus.

Wir wollen jetzt im Mai noch weiter beobachten, ob sich diese erste Erfahrung verstetigt, dass wir bei Einhaltung der Abstandsregeln in unserer Kirche gut mit einem Gottesdienst zur gewohnten Gottesdienstzeit auskommen. Sollte dies der Fall sein, werden wir ab Juni wieder nur einen Gottesdienst anbieten, der aber kürzer als gewohnt bleiben soll.“
Pfarrerin Renate Kalteis

Zaghafter Besuch ohne Geisteratmosphäre – Thomas-Kirchengemeinde Bad Godesberg, Pauluskirche

„In der Pauluskirche es war noch ein zaghafter Besuch mit etwa 15 Personen, wir haben gleichzeitig den Gottesdienst auch weiter online gestellt. Alle waren sehr froh, wieder live in ihrer Kirche sein zu können. Es war viel leichter, mit echter Gemeinde, statt nur online zu feiern – Predigt und Liturgie sind eben doch echtes Kontakt- und Kommunikationsgeschehen von Angesicht zu Angesicht.

Es war aber weniger Geisteratmosphäre, als wir und die BesucherInnen es erwartet hatten. Der Gesang von Nicola Oberlinger mit Angelika Buch hat sehr zur guten Atmosphäre beigetragen.“
Pfarrer Jochen Flebbe

Traurig und schön zugleich – Thomas-Kirchengemeinde Bad Godesberg, Christuskirche

„Am 10. Mai feierten wir nach zwei Monaten den ersten Gottesdienst in der Christuskirche. Die Menschen sind aufgerufen, weiter die Online-Gottesdienste zu schauen. Aber zehn Leute sind gekommen. Wir kennen uns alle. Alle sitzen weit auseinander und haben Schutzmasken an. Ich bin den Tränen nahe, weil es so trostlos aussieht und andererseits so schön ist, wieder mit echten Menschen zu feiern. Wir dürfen noch nicht einmal singen. Aber die engelsgleiche Stimme unserer Kantorin Barbara Dünne tröstet mich.

Hoffentlich trauen sich in den kommenden Wochen wieder mehr Menschen zum Gottesdienst. Wir haben gut vorgesorgt, dass sich niemand ansteckt. Das Leben muss doch irgendwie weiter gehen, denke ich.“
Pfarrer Oliver Ploch

Gesang vermisst, kein Platzproblem – Kirchengemeinde Bad Münstereifel

„Die Kirche war besucht wie an einem etwas ‚mauen Sonntag‘, das heißt, es waren zirka 45 Personen da. Die ganz alten Stammgäste fehlten, wahrscheinlich aus Angst. Bei allem Verständnis für unsere Sicherheit, erschreckt mich immer wieder, dass Menschen aus Angst nicht mehr zum Gottesdienst kommen. Irgendwie ist das verkehrt, sagt mir mein Herz.

Großes Verständnis für Sicherheit: Pfarrer Frank Raschke trägt eine Mund-Nasen-Maske. Foto: Kirchengemeinde

Wir haben in unserer Kirche zwar nicht 45 Einzelplätze, aber es waren Familien und Ehepaare gekommen, so dass wir mit dem Platz gut hinkamen. Wir haben jeden Besuchenden mit Listeneintrag erfasst. Wir haben sogar einen Nachkaffee gehabt. Alles hygienisch und die Menschen standen nachher beim schönen Wetter draußen auf der Wiese mit Kaffee mit großem Abstand.

Der Gottesdienst selbst: Er war kürzer als sonst, denn es fehlte einfach der Gesang, auch der der Liturgie. Die ganze Zeit einen Mundschutz zu tragen, ist für viele Menschen atmungstechnisch sehr unangenehm. Alle haben sich trotzdem positiv geäußert, nach dem Motto: Endlich sehen wir uns wieder. Ich habe aber auch eine Beschwerde per Mail bekommen, welche die Maskenpflicht und das Singverbot kritisiert. An diesen beiden Punkten – Maskenpflicht die ganze Zeit über und kein Gesang – muss auf Dauer gearbeitet werden. Ob man zum Beispiel Plexiglaswände aufstellt für Singende? Alle waren sich jedenfalls einig, dass ein Gottesdienst auf dem Bildschirm den echten Gottesdienst nicht ersetzen kann.“
Pfarrer Frank Raschke