Nach dem Hochwasser: Präses besucht Bad Münstereifel

Vor Ort in Bad Münstereifel im Gespräch: Pfarrer Frank Raschke (li.), Pfarrerin Judith Weichsel mit Präses Thorsten Latzel. Foto: Uta Garbisch

„Das Wasser sitzt noch immer in den Wänden, und es steckt – bildlich gesprochen – den Menschen in den Überschwemmungsgebieten noch in den Knochen“, sagt Präses Dr. Thorsten Latzel in Bad Münstereifel. Und sicher nicht nur dort. Mitte September, acht Wochen nach dem verheerenden Unwetter vom 14. und 15. Juli, ist er wieder durch das Kirchengebiet gereist. Eine Station war die Kirchengemeinde Bad Münstereifel.

„Man hört schon viel …“ Gemeindesekretärin Claudia Zwingmann zahlt in der Kirchengemeinde Bad Münstereifel jeden Mittwoch Soforthilfe an Hochwasser-Geschädigte aus. Und die Menschen, die zu ihr kommen, kommen nicht nur wegen des Geldes. Sie wollen reden. Über die Nacht, in der nicht nur die malerische Einkaufsstraße im Herzen der Altstadt zerstört wurde. Über die Nacht, in der Menschen vor den Augen anderer Menschen ertranken und niemand helfen konnte. Die Menschen in der großen Runde am Tisch im Gemeindehaus berichten dem Präses von dem, was sie selbst betrifft: von den Verwüstungen im eigenen Haus, von Wochen ohne Strom und Wasser, von der Heizung, die noch nicht wieder funktioniert, von den Erlebnissen, die ihnen andere erzählen.

Lutz Nelles ist psychologischer Psychotherapeut. Er ist Teil des Netzwerks Psychosoziale Hilfe Bad Münstereifel, das sich aus privater Initiative nach der Katastrophe gegründet hat. 65 Fachleute gehören inzwischen dazu, 250 bis 300 Therapeuten haben über das Netzwerk Akuttermine angeboten, um belasteten Menschen zu helfen. „Mein erstes Gespräch habe ich mit einem Feuerwehrmann geführt, der erfolglos versucht hat, Menschen zu retten“, berichtet Nelles. Auch die anderen im Netzwerk Aktiven hören viele Geschichten. Da brauchen die Hörenden und Helfenden, die inzwischen in katholischer und evangelischer Gemeinde vernetzt sind, selbst Supervision. Die stellt Rüdiger Maschwitz sicher. Der pensionierte Pfarrer ist von der Evangelischen Kirche im Rheinland als sogenannter Makler in die Region geschickt worden, um Kontakt zu den Gemeinden zu halten und Unterstützungsbedarf zu ermitteln. Bei der Supervision kann er direkt selbst helfen.

Superintendent Mathias Mölleken im Gespräch mit Armin Reichert und Daniela Decker vom Presbyterium. Foto: Uta Garbisch

Das ist auch Superintendent Mathias Mölleken wichtig. Er sorgt sich um die Überlastung der Mitarbeitenden, nicht nur in Bad Münstereifel. Denn insgesamt sind die Menschen in sieben der 13 Gemeinden im Kirchenkreis Bad Godesberg-Voreifel von den Folgen des schweren Hochwassers betroffen.

„Kaffee, Klönen und Kekse“ ist ein Angebot des Netzwerks überschrieben. Wenn freitags Markt im Ort ist, bieten sie dort offene Ohren und Hilfe an. Auch für diejenigen, die eher im Vorübergehen mit Menschen ins Gespräch kommen, brauche es Hilfe und ein gewisses Maß an seelsorglicher Zurüstung. Präses Latzel hat die Bitte ohnehin schon auf dem Zettel und nimmt sie mit nach Düsseldorf. An diesem Abend fließen auch Tränen, Dankbarkeit über enorme Hilfsbereitschaft kommt zur Sprache, Bilder der Katastrophe werden lebendig.

Der Bad Münstereifeler Pfarrer Frank Raschke beschreibt die Hilfsbereitschaft nach der Flut als atemberaubend. „Das holt das Gute und vielleicht auch das Schlechteste aus den Menschen raus.“ Gemeint sind die Bewohner:innen des vormals beschaulichen Städtchens und die vielen Helfer:innen von außerhalb. Und, dass es leider auch Plünderungen gab. „Doch insgesamt ist die Solidarität riesig.“ Zu den Helferinnen gehört zum Beispiel Daniela Decker, selbst Flutopfer und Presbyterin. Oder Pfarrerin Judith Weichsel, die nach der Flut erst mal das Sparschwein ihrer Kinder ausräumen musste, um überhaupt einkaufen zu können. Denn ohne Strom funktioniert auch kein Geldautomat. Sie alle haben „einfach nur geholfen“, wie Olaf Kohnert, ebenfalls Presbyter, es ausdrückt. Als Finanzkirchmeister verwaltet er die vielen Spenden, die die Kirchengemeinde erhielt und an Flut-Betroffene weitergibt.

Gruppenbild zum Abschluss: Einige der Teilnehmenden des intensiven Austauschs. Foto: Uta Garbisch

Thorsten Latzel betet mit seinen Gastgeberinnen und Gastgebern – wie an allen Orten, die er besucht. Denn mit allem, was bewegt, belastet, zweifeln und hoffen lässt, dürfen und sollen Menschen Gott in den Ohren liegen. Dem Gott, der in der Katastrophe nah bei den Menschen ist. „Christus im Schlamm“, sagt der Präses.

Der gesamte Überblick über drei Tage und die aktuelle Lage an Kyll, Erft, Inde, Ahr und Wupper:
Nach dem Hochwasser: Wie es in rheinischen Gemeinden aussieht erschein auf ekir.de

ekir.de, Jens Peter Iven/gar

Link: Frank Raschke im Interview zur seelsorgerlichen Situation nach dem Hochwasser

Geschrieben von Dr. Uta Garbisch am 15. September 2021