Ein Lied vom Leben

Erzählt Jerzy Gross' Geschichte vom Überleben: Angela Krumpen. Foto: Uta Garbisch

Dass er überlebt hat, verdankt Jerzy Gross vielem. Als kleiner Junge stand er auf Schindlers Liste. Vor Selektionen schützt ihn ein hoher NS-Funktionär. Er macht den Jungen zum Hundepfleger für seine zum Töten abgerichteten Doggen. Jerzy muss eine Nacht in deren Zwinger verbringen. Alle anderen Mädchen und Jungen werden deportiert. Als er an Typhus erkrankt, verschweigt ein jüdischer Arzt diese Diagnose. Andere verstecken das Kind wochenlang im Turbinenraum des Konzentrationslagers Auschwitz. Mit seinem Essen füttert Jerzy dort die Ratten, damit sie ihn verschonen.

Gerade bei diesen Details wird es ganz still in der Aula des Friedrich-List-Berufskollegs in Bad Godesberg. Gut 140 Schülerinnen und Schüler hören dort die multimediale Lesung „Spiel mir das Lied vom Leben“. Autorin Angela Krumpen verbindet darin auch Filmclips, Fotos und historisches Material. Im Zentrum steht Jerzy Gross, geboren 1929 in Krakau, gestorben 2014 in Köln. Als Kind überlebte er zwei Ghettos und drei Konzentrationslager, zuletzt Brünnlitz in Oberschlesien. Im Mai 1945 wurde es befreit. Jerzy Gross war damals 15 Jahre alt. Er wog noch 28 Kilo. Aus seiner großen Familie mit etwa 60 Mitgliedern haben nur er und ein Onkel überlebt.

Im Jahr 2008 erzählt Jerzy Gross seine Geschichte erstmals öffentlich im Radio. Über diese Sendung lernte Judith Staph Jerzy Gross kennen. Sie spielt Geige wie er. In der Folge entwickelte sich eine Freundschaft zwischen der Heranwachsenden und dem Holocaust-Überlebenden, über die auch eine Dokumentation für die ARD lief. Das Buch „Spiel mir das Lied vom Leben“ von Angela Krumpen griff das Thema auf. Mit einer Bühnenfassung erzählte Jerzy Gross in ganz Deutschland seine Geschichte vor mehr als 12.000 Jugendlichen. Ein Engagement, auf das Neonazis mit Bedrohungen reagieren.

Damit die Geschichte des Zeitzeugens Jerzy Gross auch nach seinem Tod an nachfolgende Generationen weitergegeben werden kann, setzt Angela Krumpen diese Arbeit mit dem Lesungsformat fort. Eine Idee, die im Berufskolleg ankommt. „Sehr interessant, sehr bewegend“, sagt Dominika (22), die selbst aus Polen stammt. „ Alle Menschen sollen mehr darüber wissen, um solche Dinge in Zukunft zu verhindern“. Der 19-jährige Luca ergänzt: „Wir müssen das auf jeden Fall weiter tragen, damit so etwas nicht wieder passiert – gerade, wo es heute wieder vermehrt Rassismus gibt.“

Genau darum ging es auch Schulpfarrerin Bärbel Bressler, die das Projekt im Rahmen der Aktion Schule ohne Rassismus initiiert hat. So fand die Lesung im Kontext des 27. Januar statt, dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Seit 2005 wird dieser Tag, an dem Alliierte 1945 das Konzentrationslager Ausschwitz befreiten, auf Beschluss der Vereinten Nationen weltweit als Gedenktag des Holocausts begangen. Bressler setzt vor allem auf Prävention. Die Themen Antisemitismus und Rassismus werden in allen beteiligten Klassen weiter besprochen. Neben den Lehrerinnen und Lehrern enggieren sich hier auch Jugendsozialarbeiterinnen der AWO, die auch die Lesung ermöglichten.

Projekt „Spiel mir das Lied vom Leben“

Geschrieben von Dr. Uta Garbisch am 07. Februar 2019