Sorge um eine Generation Kriegskinder

Als Frieden herrschte: Kinder sitzen auf einer Bank in Odessa, Oktober 2010. Foto: Thomas Dobbek

Der Diplom-Psychologe Thomas Dobbek von der Evangelischen Beratungsstelle ist besorgt mit Hinblick auf die neue Generation von Kriegskindern.

Weit mehr als eine Millionen Kinder und Jugendliche seien bereits aus der Ukraine geflohen. Viele von ihnen werden ihre Väter, Brüder, Onkel oder Großväter, die im Krieg kämpfen, nie wiedersehen – ein Schicksal, das sie sich mit ihren Nachbar*innen aus Russland teilen.

Das Problem: Dauerstress während der Flucht und der Verlust des Urvertrauens grabe tiefe Narben in die Seelen der Kinder. Auch traumatische Geschehnisse durch das Miterleben von Verletzung bis hin zu Mord oder Vergewaltigung hinterließen Spuren.

Auf Geflüchtete zugehen

Unsicherheit im Umgang mit Menschen, die aus Kriegsgebieten geflohen sind, sei ganz natürlich, sagt Thomas Dobbek. Das Wichtigste sei es oft, ein Gefühl von Normalität und Sicherheit wiederherzustellen. Alltägliche Dinge wie der Gebrauch eines Fahrrads, geregelte Mahlzeiten, Schule – all das stabilisiere. Sich den Menschen zuwenden, ihnen ein Gefühl von Geborgenheit geben und Kinder gemeinsam spielen lassen. Und sich nicht durch eventuelle Sprachbarrieren verunsichern lassen, denn manches braucht nicht so viele Worte. Mimik und Gestik und vor allem ein Lächeln seien oft ein ebenso kurzer wie hilfreicher Weg der Verständigung. Ob eine Traumatherapie nötig ist, wird sich sowohl für Kinder, Jugendliche als auch für Erwachsene noch herausstellen.

Den ausführlichen Beitrag lesen Sie auf den Seiten der Beratungsstelle.

EB/gar

Schuldgefühle

Thomas Dobbek ist Diplom- Psychologe und leitet die Evangelische Beratungsstelle. Foto: ekasur.de

Auch wer vorsichtig ist, kann sich mit Corona infizieren und es weitergetragen haben. Psychologe Thomas Dobbek von der Evangelischen Beratungsstelle Bonn erklärt auf WDR 5, wie Betroffene mit dieser Belastung umgehen können. Sein Gesprächspartner ist Achim Schmitz-Forte.

Hier der Link zum Beitrag in der WDR-Mediathek.

Lebenshilfe in Zeiten von Corona

Besonders in Corona-Zeiten ist die Beratungsstelle für Ratsuchende eine zentrale Anlaufstelle. Foto: Jennifer Trierscheidt

Die Evangelische Beratungsstelle Bonn trotzt dem Stillstand. Wie die Beratungsarbeit in Zeiten von Corona weiterläuft und die unterschätzten Folgen von Social Distancing erlebt, berichtet in einem berührenden Beitrag Jennifer Trierscheidt:

„Wie ist es Ihnen zuletzt ergangen?“ fragt sie, kurz nachdem Klient Herr Schneider (Name geändert) auf dem roten Stuhl Platz genommen hat. Die Therapeutin bemerkt seine schlaff herunterhängenden Schultern, die den schmalen Oberkörper einrahmen und den ohnehin gekrümmten Rücken betonen. Wie immer braucht es auch heute einige Augenblicke, bis er sich gesammelt hat und in die Gesprächssituation findet. Sein Blick wandert vom Boden zum Fenster. Dann beginnt er, zu erzählen.

Trotzen mit ihrem Team dem Stillstand: Christiane Wellnitz und Beratungsstellenleiter Thomas Dobbek. Foto: Jennifer Trierscheidt

Lupe

Vor etwa einem Jahr fand Herr Schneider den Weg in die Evangelische Beratungsstelle für Erziehungs-, Jugend-, Partnerschafts- und Lebensfragen. Der heute alleinerziehende Vater von zwei Söhnen bringt eine Geschichte mit, die andere nur aus dem Spätabendprogramm kennen: Drogenexzesse und Sucht, Gewalt, Hoffnungslosigkeit. Als ihm eines Tages bewusst wird, dass sein Lebensweg auch der seiner Kinder zu werden droht, löst er sich aus seinem alten Leben und versucht mit seinen Söhnen den Schritt in ein neues. Einfach war und ist es bis heute nicht. Seine Überlebensstrategie: das Festhalten und sich entlang Hangeln an den Strukturen des Alltags und öffentlichen Lebens. Das beginnt beim Klingeln des Weckers, führt zum Zubereiten des Frühstücks für die Kinder und dem nächsten Termin beim Zahnarzt. Diese Pfeiler sind für Herrn Schneider wie Wegweiser, die ihn durch sein Leben ohne Rausch leiten. Sie sind beständig, zuverlässig. Sie schaffen die Ordnung, die ihn in der Bahn hält.

Ein Netzwerk der Hilfe spannen

Regelmäßig begegnen dem Team der psychologischen Beratungsstelle, das aus Therapeut*innen und Berater*innen besteht, Menschen wie Herr Schneider. Manche, die von ihnen begleitet werden, befinden sich seit langer Zeit in einer für sie aussichtslosen Lage, andere werden plötzlich von einem Schicksalsschlag getroffen, der ihr Leben für immer verändert: das Scheitern einer langen Beziehung, die Erkrankung der besten Freundin, der Tod des eigenen Kindes. „Oft nehmen wir in sehr schweren Notsituationen immer ein Stück weit die Funktion eines Netzwerks ein, das Ratsuchende an spezialisierte Einrichtungen weiterverweist. Zum Beispiel bei schwerwiegenden psychischen Problemen, Essstörungen, sexualisierter Gewalt“, sagt Thomas Dobbek, Dipl.-Psychologe und Leiter der Evangelischen Beratungsstelle in Bonn.

Ob zu Hause oder im Büro: ein Telefonat ist flexibel umsetzbar – schafft aber Distanz. Foto: Jennifer Trierscheidt

In einen Zustand der Ohnmacht gestürzt

Und wenn Menschen in ihren unter Umständen emotional schwer auszuhaltenden Situationen zusätzlich von einer Krise größeren Umfangs getroffen werden – dann brauchen sie mehr denn je beratende Hilfe und Unterstützung. Doch erfuhren viele von ihnen durch die Coronavirus-Pandemie im Moment der größten Not Gegenteiliges: Beratungsstellen stellten kurzfristig ihren Betrieb ein, Seelsorgetelefone waren überlastet, Kliniken verweigerten die Neuaufnahme. Schulen, Kitas, Sportvereine: geschlossen. Freunde, Familie, Nachbar*innen: unbedingt meiden. #WirBleibenZuhause war die Stimmung des Lockdowns. Über mehrere Wochen hinweg schienen alle Welt und das öffentliche Leben den Atem anzuhalten. Stillstand. „Die Hilflosigkeit im Angesicht dieser humanitären Krise barg die Gefahr jene, die bereits in einer Krise verharrten, in einen Zustand der Ohnmacht zu stürzen“, so Dobbek. Gleichzeitig betonten andere Stimmen, wie viel Positives sie dem Ganzen abgewinnen könnten. Jetzt, da sie endlich mal zur Ruhe kommen und dem Freizeitstress entfliehen könnten.

Wie Herr Schneider wohl darüber denkt? Auf sich alleine gestellt, ohne Wegweiser, die dem Alltag eine Ordnung geben. Sein Arbeitsplatz stellt kurzzeitig den Betrieb ein. Zuhause soll im eigenen Wohnzimmer der Schulalltag seiner Kinder simuliert werden. Und damit wird der ursprüngliche Anspruch, seine Kinder durch das Leben zu begleiten, von schier unüberwindbaren Aufgaben überflutet. Den Alltag alleine gestalten und strukturieren? Wäre es an dieser Stelle nicht einfacher, die Coronakrise mit all ihren kleinen zusätzlichen Krisen mit dem vertrauten, dumpfen Gefühl zu betäuben, das der Wodka vom Discounter um die Ecke früher so zuverlässig bewirkte?

„Die Pandemie hat die Ausgangssituation unseres Systems, in dem Hilfe in jeglicher Form jederzeit und für jeden zugänglich ist, vor allem zu Beginn erschwert und damit auch unsere Arbeitsweise. Wie der Klientin helfen, wenn die Tagesklinik schließt, die ihr kleiner Sohn so dringend braucht? Wie helfen, wenn Grenzen jegliche Hilfe verhindern?“, gibt Christiane Wellnitz, Familientherapeutin und stellvertretende Leiterin der Beratungsstelle, zu bedenken.

Raum für ein Gespräch

Unter Retraumatisierung versteht man das erneute Erleben eines traumatischen Ereignisses. Durch ähnliche Emotionen und Erlebnisse kann die betroffene Person getriggert werden, sodass sie sich in einem vergleichbaren Zustand befindet wie zur Zeit des Trauma auslösenden Moments.

Seit einem schweren Schicksalsschlag kommt Frau Melek (Name geändert) in die Beratungsstelle. Damals verstarb ihre Schwester nach einem jahrelangen Kampf an Lungenkrebs. Seit der Thematik einer neuartigen Lungenkrankheit in den Medien werden längst bewältigt geglaubte Emotionen an die Oberfläche gespült: die beklemmende Vorstellung von schwer atmenden Menschen in Krankenhausbetten, die Rede von Intensivbetten, Szenen aus Nachbarländern, wo die medizinische Versorgung nicht ausreichend gedeckt ist. Hinzukommend die Unfähigkeit, autonom zu handeln und das Alleinsein – insbesondere durch den anfänglichen Stillstand. Die Vorstellung, selbst an einem Beatmungsgerät angeschlossen zu werden. Die Vorstellung von Erstickung bis hin zum Tod. Angst, verknüpft mit Trauer durch die ständigen Erinnerungen an den langen Sterbeweg ihrer Schwester, können dieses Mal aber nicht durch Ablenkungen wie einen Kinobesuch gemindert werden. Jede Lockerung der Maßnahmen bedeutete für Frau Melek deshalb nicht nur ein Zurück zur Normalität – es bedeutete einen wahren Zugewinn an Lebensqualität.

Digitale und analoge Angebote

Um den direkten Kontakt so gut es nur ging in direkter Form zu vermeiden und damit zum Schutz vor Corona beizutragen, stellte die Beratungsstelle ihre Arbeit ab Mitte März fast ausschließlich auf telefonische Beratung sowie Videotelefonie um. Auch wurde eine E-Mail-Beratung eingerichtet, die es Hilfesuchenden bis jetzt erlaubt, vollkommen anonym direkt mit einer Fachkraft ins Gespräch zu kommen. Damit wurde nicht nur das Hilfsangebot aufrechterhalten, sondern dem Stillstand des sozialen und teilweise auch therapeutischen Lebens getrotzt. Je schneller Hygienestandards eingeführt wurden, desto eher integrierte das Team diese in die Arbeitsabläufe und lud Klient*innen wieder in die Räume der Beratungsstelle ein. Ein Großteil der Ratsuchenden bevorzugte den direkten, persönlichen Kontakt und nicht für alle Lebenslagen waren und sind die erweiterten Angebote ein Vorteil.

Für Frau Melek war der Weg in die Beratungsstelle wieder ein Schritt zurück zur Normalität. Aber aus welchem Grund nehmen Menschen lieber eine Anfahrt in Kauf, anstatt es sich zu Hause auf dem Sofa gemütlich zu machen, mit einem Kaffee in der einen und dem Telefon in der anderen Hand?

Über die alternativen Beratungsformen – telefonisch, im E-Mail-Verkehr oder über Videotelefonie – steht das Team der Beratungsstelle weiterhin beratend zur Seite. Doch häufig ist die physische Anwesenheit des Gegenübers unersetzlich. „Manches intime Thema, eine traumatische Erinnerung oder ein schwer zugängliches Gefühl lassen sich im direkten Kontakt leichter ansprechen“,  erläutert Dobbek. Denn die anwesende Person kann einerseits alleine durch ihre Präsenz ein Sicherheitsgefühl erzeugen, das ihre Klient*innen auffängt. Menschen neigen dazu, unbewusst die Körpersprache des Gegenübers zu spiegeln. Bei einem aufbrausenden Thema, so Dobbek, vermag ein*e Therapeut*in, Ruhe und Geborgenheit auszustrahlen: „Die beratende Person lässt die Ratsuchenden ihre Empathie und Anteilnahme spüren – während eines Telefonats dagegen gestaltet sich aktives Zuhören als Herausforderung.“ Auch im Videochat kann sich das unter Umständen als schwierig erweisen. Die Verbundenheit und das Vertrauen zwischen Klient*in und Berater*in bzw. Therapeut*in wird im direkten Austausch intensiver und authentischer empfunden. Diese hilfreichen Medien werden wohl oftmals eine Distanz innehaben, die schwer überwunden werden kann. In akuten Notsituationen hingegen treten mediale und schnell umzusetzende Kommunikationsmöglichkeiten in den Vordergrund. Diese werden noch über viele Monate hinweg präsent sein und möglicherweise im Winter wieder einen größeren Platz einnehmen.

Vertrauen, Toleranz und Akzeptanz

Das Beratungszimmer ist ein Raum voller Vertrauen, Offenheit, Toleranz und Akzeptanz. Die Intimität und Neutralität zwischen den Gesprächspartner*innen werden nicht nur durch die Schweigepflicht gestärkt. Die gewohnte Umgebung, zum Beispiel die eigene Wohnung, und damit eine Komfortzone zu verlassen, bedeutet auch, sich von Gedanken und vielleicht sogar Glaubenssätzen losreißen zu können. Das Betreten des Beratungszimmers ist manchmal das Überschreiten einer Schwelle aus Scham und Hoffnungslosigkeit. Emotionale Mauern, die im gewohnten Umfeld fest bestehen, dürfen hier eingerissen werden. Auch kann die Distanz zu anderen Räumen des Zuhauses hilfreich sein. Ein Wohnzimmer, das gestern noch Schauplatz eines lautstarken Streits war, soll heute das Beratungszimmer ersetzen? Wie jetzt die Situation unbefangen und distanziert reflektieren?

„Wie unsere Klient*innen den Lockdown erlebten, prägt die Beratungsarbeit noch heute“, so  Wellnitz. Es machte zuweilen sprachlos, brachte das Team an vorher nicht gekannte Grenzen, wenn aus der Stagnation Handlungsunfähigkeit wurde. „Und deshalb wollten wir nicht Teil des Stillstandes sein, sondern Halt geben für Jene, die in dieser Ausnahmesituation mehr denn je auf Hilfe angewiesen sind“, betont sie.

 Zurück im Beratungszimmer

Der Ausdruck in Herrn Schneiders Gesicht ist gegen Ende des Gesprächs gelöster. Kurz nach dem Lockdown hatte er regelmäßig mit seiner Therapeutin telefoniert. Die Anrufe hatten ihn aus seiner Schockstarre hin zu einer neuen Wochenstruktur geführt, die ihn über längere Zeit hinweg durch den Alltag geleitet hatte. Trotz Isolation hielt er sich abseits von alten, schlechten Bekanntschaften und Gewohnheiten. Die innere Leere, die ihn zu Beginn umtrieb, ersetzte er durch ein kreatives Projekt und richtete in seinem Haus Platz für ein Lesezimmer ein. Doch neben all den positiven Entwicklungen der vergangenen Monate schaut er besorgt auf die aktuelle Situation. Über den Anstieg der Infektionszahlen und lauter werdenden Stimmen, die protestierend durch Berlin marschieren, macht er sich seit Tagen Gedanken. Die Frage, wie er einem erneuten Lockdown begegnen würde, hebt er sich jedoch für das nächste Gespräch auf.

Kontakt Evangelische Beratungsstelle

www.beratungsstelle-bonn.de

Tel. 0228 6880150 oder beratungsstelle@bonn-evangelisch.de

Corona – Gewalt in der Familie wird deutlicher

Ein Kuscheltier kann dabei helfen, das eigene innere Kind zu entdecken, sich selbst besser kennenzulernen und damit letztlich sich besser schützen zu können.

Die Kontaktbeschränkungen pferchen Familien enger zusammen. Das erhöht die Gefahr von Gewalt gegen Frauen und Kinder. Das beklagt der Leiter der Evangelischen Beratungsstelle, Diplom-Psychologe Thomas Dobbek. Ein Interview – auch über die Wege, der Gewaltspirale zu entkommen.

Corona hat den Beratungsbedarf von Menschen mittelbar erhöht. Worum geht’s?

Es ist wie bei anderen, zum Beispiel gesellschaftlichen, Problemen: Corona bringt Beratungsbedarf deutlicher zutage. In der Beratungsarbeit wird derzeit vor allem Gewalt in der Familie noch einmal deutlicher. Denn im Lockdown sind Familien noch enger zusammen, ohne die Möglichkeit, einander auszuweichen. Gewalt in der Familie hat viele Facetten. Im Zuge der Pandemie sind u.a. zwei Kampagnen entstanden, auf die an dieser Stelle hingewiesen werden sollte. Da wäre zum einen die Initiative „Kein Kind alleine lassen“ des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. Derzeit sind Kinder tendenziell besonders gefährdet, sexualisierter und häuslicher Gewalt schutzlos ausgeliefert zu sein. Außerdem startete der Weiße Ring kürzlich die Kampagne „Schweigen macht schutzlos“, die sich an Frauen richtet, die Opfer von Gewalt durch den Partner werden. Dies ist die häufigste Form häuslicher Gewalt, und zwar körperliche Gewalt – angedroht und auch vollzogen. Das Zuhause, für uns insbesondere in der Zeit von Corona ein Ort der Geborgenheit und des Schutzes, wird in diesen Fällen Tatort von Gewaltverbrechen.

Kann Beratung das stoppen?

Wenn sich die Betroffenen melden, kann man alles erreichen. Manche Strukturen sind so hartnäckig, dass wir machtlos sind, aber – Gott sei Dank – in den meisten Fällen ist das möglich.

Wie das?

Der erste Schritt ist, den Frauen einen Platz im Frauenhaus zu besorgen. Sind Kinder mitbetroffen, kümmern wir uns darum, dass sie in Obhut kommen. In der psychologischen Beratung der Frau geht es dann darum zu erfahren, ähnlich einer Psychotherapie, was der Frau zugestoßen ist.

Wie gehen Sie vor?

Wir schauen auf das innere Kind. Damit sind die Gefühle und Erfahrungen gemeint, die seit der Kindheit präsent sind. Glaubenssätze, die wir in der Kindheit unbewusst gespeichert haben und heute vielleicht gar nicht mehr wissen, wo diese genau herkommen. Dazu muss man wissen, dass die betroffenen Frauen leider oft schon von Kindsbeinen an Gewalt erlitten haben und sich später unbewusst wieder für gewalttätige Partner entscheiden.

Oft gehört – trotzdem klingt es paradox.

Stellen Sie es sich vor wie einen Orangensaft mit einem bitteren Kraut, das Kind kennt ihn nicht anders. Schon vorsprachlich nimmt ein Kind alles auf, seismografisch. Die Mama wird geschlagen, das Kochgeschirr vom Herd geschleudert. Wegen der Würgemale am Hals trägt die Mutter ein Halstuch. Der Geschmack von Orangensaft ist bitter, anders hat es ihn nie kennengelernt. Weil das Kind nicht in Worte fassen kann, was es miterlebt, ist die Gefahr groß, dass es das verdrängt und später wiederholt.

Und wie verhelfen Sie Betroffenen dazu, den Geschmack von Orangensaft pur zu entdecken?

Auf das innere Kind zu schauen, meine ich wörtlich. Klientinnen bitten wir, zum Beispiel ein Kinderfoto oder ein Kuscheltier von sich mitzubringen. Das hilft ihnen, sich selbst als Kind neu kennen zu lernen. Schritt für Schritt erhält dann auch das Verdrängte ein Gesicht, vor allem das Emotionale. So gelingt die Distanzierung. Letztlich kann die Betroffene dann sich selbst beschützen.

Thomas Dobbek ist Diplom-
Psychologe und leitet die
Evangelische Beratungs-
stelle.

Wie es in der Bibel heißt: Liebe dich selbst…

Ja, darum geht es auch: sich selbst endlich liebenswert zu finden.

Kümmern Sie sich auch um gewalttätige Männer?

Wir schicken sie zu spezialisierten Kolleginnen und Kollegen. Die Arbeit mit (männlichen) Tätern und die Klärung, woher ihre Gewalttätigkeit kommt, sind wichtig. Sie müssen lernen, auf Stress nicht mehr mit Gewalt zu reagieren, sondern mit Nachdenken und Geduld.

Frauen sind nicht nur auf der Opferseite zu finden.

In der Tat: Es gibt auch aggressive Frauen. Meist ist es eine latente Aggressivität, eine verbale, seltener körperliche Gewalt. Man könnte sagen, das potentiell gesellschaftlich häufigere Bild wäre: Für Männer steht der Boxhandschuh, für Frauen der spitze Dolch unterm Gewand. Die Zahlen sprechen hier eine eindeutige Sprache. Jedoch ist zu betonen, dass es durchaus auch gewalttätige Mütter und Frauen gibt. Insbesondere der Alltag während Corona kann ein Nährboden für wachsende und nicht mehr zu kontrollierende Wut oder Frustration sein. Beispielsweise dann, wenn sich eine berufstätige Mutter im Home Office befindet und in das Rollenbild fällt, zusätzlich Haushalt und Kinderbetreuung stemmen zu müssen. Erst recht, wenn die Mutter alleinerziehend ist.

Sie haben in der Beratungsarbeit aber auch Klientinnen und Klienten, die Corona direkt belastet. Inwiefern?

Dabei handelt es sich um Menschen, die Verwandte haben, die schwerwiegend erkrankt oder sogar gestorben sind. Vor allem die Bilder aus Italien werfen diese Klientinnen und Klienten schwer zurück. Ihnen kommt alles wieder hoch: wie sie auf der Intensivstation um das Leben ihres Mannes oder Kindes bangten. Die emotionale Belastung kehrt zurück. Sie sagen: Ich kann das Piepsen der Geräte nicht mehr ertragen. Das heißt, ihre Ängste, Sorgen oder auch ihre Trauer ploppen wieder auf. Wir alle haben ja eine Art Safe, in dem wir Schweres und Schwieriges aufbewahren. Und dann springt plötzlich die Tür auf. In der Beratung helfen wir den Klientinnen und Klienten dabei, aus dem Bann herauszukommen.

  • Die Evangelische Beratungsstelle der Kirchenkreise An Sieg und Rhein, Bad Godesberg-Voreifel und Bonn für Erziehungs-, Jugend-, Ehe- und Lebensfragen befindet sich im Haus der Kirche in Bonn. Die Beratung ist für Klient*innen kostenlos. Web: www.beratungsstelle-bonn.de
  • Ab sofort finden Beratungsgespräche wieder vor Ort statt, selbstverständlich unter Einhaltung aller bekannten Schutzmaßnahmen.

Text und Fotos: Anna Neumann/ekasur.de

Beratungsstelle bleibt erreichbar

Das Team der Evangelischen Beratungsstelle in Bonn. Foto: Beratungsstelle

Die Evangelische Beratungsstelle für Erziehungs-, Jugend-, Ehe- und Lebensfragen in Bonn bietet auch während der Corona-Krise weiterhin Beratung an und steht Ratsuchenden zur Verfügung.

Ein Großteil der Beratungsgespräche findet laut dem Leiter der Evangelischen Beratungsstelle Thomas Dobbek mittlerweile telefonisch oder über Skype statt. Viele Probleme lassen sich auch auf diesem Wege besprechen – zumindest, bis ein realer Kontakt wieder uneingeschränkt möglich ist.

In dringenden Fällen, wie zum Beispiel dem Verlust eines Kindes oder wenn Jugendliche akut gefährdet sind, finden Gespräche auch in der Beratungsstelle statt.  Dabei werden selbstverständlich alle Hygienemaßnahmen beachtet.

Thomas Dobbek sagt: „Gerade in diesen krisenhaften Zeiten ist es besonders wichtig, das Beratungsangebot vollumfänglich aufrecht zu erhalten. Viele Menschen sind verunsichert durch die bedrohliche Situation, bei anderen werden durch die aktuelle Krise auch traumatisierende, krisenhafte Erlebnisse aus der Vergangenheit reaktiviert. Und selbstverständlich gibt es auch in Zeiten der Pandemie noch all die anderen Probleme, bei deren Bewältigung die betroffenen Menschen psychologische Hilfe brauchen. Mit dem Angebot virtueller Beratung am Telefon oder per Skype einerseits und der direkten Beratung bei uns in der Beratungsstelle andererseits glauben wir, allen Bedarfen gerecht werden zu können.“

Die Evangelische Beratungsstelle ist erreichbar unter: 0228 6880150 oder info@bonn-evangelisch.de.

Aktuelle Informationen gibt es regelmäßig auf: www.beratungsstelle-bonn.de.

EB

 

PROtestant: Staunen und träumen

Aus der Region für die Region: unsere evangelische Kirchenzeitung PROtestant

Staunen und Träumen ist das Thema: „Träume sind nicht nur naturwissenschaftlich erklärbar neuronale Entladungen, sie lassen tief in die Seele des Menschen blicken“, erklärt der Psychologe Thomas Dobbek.

„Der Blick in die Sterne lehrt viel für das Zusammenleben der Menschen auf der Erde“, sagt der bekannte Bonner Astronom Michael Geffert. „Staunen und Träumen“ ist das Motto der Bonner Kirchennacht am 8. Juni 2018 und die Ausgabe der Kirchenzeitung PROtestant geht diesen Themen nach. Junge Theologiestudierende erzählen von ihrem ganz persönlichen „Traum von Kirche“. Pfarrer und Buchautor Georg Schwikart berichtet, dass die Bibel 350 Mal von der Nacht spricht und fragt: Was sagt uns Gott im Schlaf?

Ein Krankenpfleger berichtet von nächtlichen Erfahrungen auf Station und bedenkt, warum Menschen im Krankenhaus nachts länger wach sind. Auch um die Frage, was es in unserer so digitalisierten Welt noch zu staunen gibt, geht es. Dazu Empfehlungen aus der 150-Programmangebots-Fülle der Kirchennacht „Was Sie auf keinen Fall verpassen sollten?“ Und Sybille Schütt, das bekannte Gesicht der Bonner WDR-Lokalzeit, gibt im Prominentenfragebogen persönlich zu erkennen: Was bedeutet mir Glaube, Hoffnung und Liebe?

Die Zeitung PROtestant erscheint drei Mal im Jahr mit einer Auflage von 6.500 Exemplaren, die aktuelle Ausgabe in der Pfingstwoche ab dem 23. Mai. PROtestant kann kostenlos bezogen werden: Evangelischer Kirchenkreis Bonn, Adenauerallee 37, 53113 Bonn (Tel.: 0228 / 6880 300, presse@bonn-evangelisch.de). Herausgeber sind die Kirchenkreise An Sieg und Rhein, Bonn sowie Bad Godesberg-Voreifel.

Weitere Infos: www.protestant-bonn.de

Zur 7. Bonner Kirchennacht: www.bonnerkirchennacht.de

Zur aktuellen Ausgabe: PROtestant Nr. 63