Weniger Institution und mehr Gemeinschaft
Ist seit 2022 Superintendentin: Claudia Müller-Bück Foto: Meike Böschemeyer
Der Gemeindebrief hat gefragt. Die Superintendentin antwortet. Für den aktuellen Bad Godesberger Oktober-Gemeindebrief sprach Jörg Nigges mit Claudia Müller-Bück. Hier das Interview:
Jörg Nigges: In der Öffentlichkeit: Ist das „Du“ für dich in Ordnung?
Ja, sehr gerne.
Erzähl uns ein wenig von deinem Weg.
Ich bin vor 50 Jahren in Remscheid-Lennep geboren. (schmunzelnd) In diesem Jahr wurden Pfarrerinnen den Pfarrern in der Evangelischen. Kirche im Rheinland gleichgestellt. Aufgewachsen bin ich in einer kirchlich und inklusiv geprägten Atmosphäre. Theologie habe ich in Münster, Heidelberg und Wuppertal studiert. Mein Vikariat habe ich in Moers gemacht, anschließend den Probedienst im Essener Norden.. 2009 kam ich als Pfarrerin nach Swisttal, 2014 wurde ich Skriba, 2022 Superintendentin. Ich habe früh gemerkt, dass ich den Blick für das Ganze habe und gerne Verantwortung übernehme. Gleichzeitig ist Seelsorge für mich das Herzstück meines Dienstes. Als Superintendentin macht mir besonders die Begleitung der Pfarrerinnen und Pfarrer Freude: das Miteinander, die Beratung, die Jahresgespräche.
Gibt es einen Leitvers, der dich trägt?
Ja, meinen Taufspruch, Römer 8, 38–39. Da heißt es: Ich bin gewiss, dass nichts, weder Tod noch Leben, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, uns von der Liebe Gottes in Jesus Christus trennen kann.
Das begleitet und stützt mich, gerade , weil ich in meinem Leben immer wieder um diese Gewissheit auch gerungen habe.
Superintendentin – das klingt nach viel Verantwortung, aber oft wenig Anerkennung in der Öffentlichkeit. Wie erlebst du das?
Ich erkläre gerne, dass ich die Gesamtleitung eines großen Kirchenkreises trage und das nicht als Verwaltungskraft, sondern als Pfarrerin. In Bonn, im Rhein-Sieg-Kreis und in Euskirchen erlebe ich viel Wertschätzung für Kirche und Diakonie.
Wir werden hier als Partner im sozialen Kontext wahrgenommen. Kirche hat ihre Rolle: wir bringen Menschen zusammen, bieten Rituale und begleiten in Krisen. Intensiv erlebt habe ich dies für mich als Pfarrerin 2021, als unser Kirchenkreis massiv von den Folgen der Flut getroffen wurde. Zu gesellschaftlichen Themen wie Zusammenhalt, Frieden, Umwelt oder Kultur haben wir viel beizutragen. Kommunal- und Landespolitik binden uns oft in Gespräche und Diskussionen ein. Als Kirche stärken wir die Demokratie. Ich erlebe oft große Anerkennung für unser Tun und die Werte für die wir stehen.
Innerkirchlich bin ich als Superintendentin, wie der KSV (Anm. d. Red. Kreissynodalvorstand) in einer Art Sandwichposition zwischen der Landeskirche und den Gemeinden mit ihren Leitungen: Entscheidungen der Landessynode und Verwaltungsbestimmungen an die Gemeinden weiterzugeben, ist oft mühsam, da die kirchliche Verwaltung eine Institution mit eigenen, manchmal umständlichen Abläufen ist; während Gemeinden bei Themen, die ihnen wichtig sind, oft sehr schnell handeln.
Zugleich bremsen an anderer Stelle Widerstände oder auch Überforderungen von Haupt- und Ehrenamtlichen wichtige Prozesse
Was ist für dich die größte Belastung?
Schmerzlich sind die Kirchenaustritte. Sie frustrieren und machen traurig, nicht nur mich, sondern alle Pfarrerinnen und Pfarrer. Gleichzeitig gibt es immer wieder Menschen, die sich neu begeistern lassen. Wie beim Tauffest 2024. Ich wünsche mir weniger Institution und mehr gelebte Gemeinschaft. Orte, an denen Glaube erfahrbar wird.
Ein großes Thema ist zurzeit die Fusion von Gemeinden. Bedeutet das nicht Verlust?
Nein, nicht unbedingt. Fusion heißt für mich nicht, alle gewachsene Strukturen aufzugeben. Es geht darum, Aufgaben gemeinsam zu tragen und Wertvolles gemeinsam zu ermöglichen. Viele Gemeinden sind inzwischen zu klein, um alles allein leisten zu können, etwa Seelsorge, Konfirmandenarbeit, Gottesdienste und das große Paket der Finanz-und Gebäudeverwaltung. Zusammenschlüsse können entlasten und neue Möglichkeiten eröffnen. Wichtig ist, dass Ressourcen und Gaben fair eingebracht werden. Und dass so auch neues entstehen kann.
Aber die Gemeinden sind sehr unterschiedlich. Wie gehst du mit dieser Ungleichheit um?
Ungleichheit gehört dazu. Bad Godesberg funktioniert anders als die Voreifel. Aber gerade Vielfalt ist eine Stärke. Das gilt auch für die Mitarbeitenden. Junge Menschen arbeiten meist gern gabenorientiert im Team, ältere sind oft eher Generalisten, zum Beispiel im Einzelpfarramt. Wir brauchen Rahmenbedingungen, die erst einmal beidem gerecht werden und attraktiv sind für die nächsten Generationen.
Fusionen bedeuten auch mehr Verwaltung. Braucht es da nicht professionelle Unterstützung?
Ja, das kann in vielen Fällen entlasten. Pfarrerinnen und Pfarrer sind nicht automatisch gute Verwaltungsfachleute. Die Presbyterien großer Gemeinden haben per se viele Aufgaben, die oft viel Fachlichkeit verlangen; deshalb können zum Beispiel Gemeindemanagerinnen und -managern eine wichtige Schnittstelle zwischen Gemeinde und Verwaltung sein. So bleibt Raum für das Wesentliche, für Seelsorge, Verkündigung, Lehre und Diakonie
Frage: Wann würdest du sagen: Eine Fusion ist gelungen?
Wenn eine neue gemeinsame Identität entsteht. Wenn Solidarität spürbar ist und Neues wachsen kann. Dazu braucht es ehrliche Gespräche, Begegnungen und die Möglichkeit, auch später nachzusteuern.
Gibt es Beispiele, wo das schon funktioniert hat?
Ja, gestern zum Beispiel war ich bei der Einführung der neuen Liturgie für die zukünftige Sophiengemeinde. Die Gemeinden Euskirchen und Weilerswist durchlaufen gerade ihren Fusionsprozess. Da ist der intensive Austausch entscheidend und das gemeinsame (Gottesdienst-) Feiern.
Noch ein Schlusswort?
Ich bin beeindruckt von der Vielfalt hier in Bad Godesberg. Die vier Gemeinden zeigen, wie bunt Kirche sein kann. Genau das macht uns stark.
Vielen Dank