Vom „gerechten Krieg“ zum „gerechten Frieden“

Gedanken zum Volktrauertag am 12. November 2006 am Ehrenmal Rheinbach von Pfarrer Dr. Eberhard Kenntner

Sehr geehrte Damen und Herren!

Wir haben uns versammelt, um gemeinsam der Opfer der Kriege und der Gewaltherrschaft zu gedenken. Wir schauen dabei vor allem zurück ins letzte Jahrhundert zu den Weltkriegen und den Gräueln der Naziherrschaft. Damals gab es eine Eskalation der Kriegsgräuel, wie sie bis dahin unvorstellbar waren. Vom Einsatz chemischer Waffen durch die kaiserliche Armee an der Marnefront  bis hin zur Taktik der verbrannten Erde auf den Rückzügen im II.Weltkrieg im Osten, Norden und Südosten Europas, vom totalen Luftkrieg bis hin zur Vernichtungsmaschinerie in den Konzentrationslagern, vor allem gegen die jüdische Bevölkerung – der Schrecken des Krieges, gegen das eigene Volk wie gegen die Nachbarvölker hat alles übertroffen, was bis dahin Menschen Menschen angetan hatten.

So gedenken wir heute der unzähligen Kriegsopfer und fragen nach dem Warum ihres Sterbens. Und weder Gott, Kaiser, noch Vaterland können dem, was auf den Schlachtfeldern hüben und drüben, was in den KZs und Gulags geschehen ist, einen Sinn geben. Denn der gewaltsame Tod eines Menschen hat keinen Sinn. Der Mensch soll leben, das ist seine Bestimmung, „und Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein“. So hat es die erste ökumenische Vollversammlung der Kirchen nach den Schrecken des II. Weltkrieges 1948 in Amsterdam formuliert. Bürgermeister Mahlberg sagte bei der Einweihung dieses Ehrenmals 1964: „Dies soll ein Mahnmal des Friedens sein, für den kein Opfer zu groß ist.“ Dies immer wieder ins Gedächtnis zu rufen ist für mich bleibender Auftrag des Volkstrauertages, den wir heute begehen.

Und dieser Auftrag scheint in unserer Zeit wieder wichtiger zu werden denn je. Sind doch durch den 11. September 2001 neue Dimensionen weltweiter Gewaltanwendung deutlich geworden. Und fast unmerklich haben wir uns angesichts terroristischer Bedrohungen wieder daran gewöhnt, kriegerische Auseinandersetzungen und Gott und Religion zusammen zu denken oder kritiklos zuzulassen, dass solches Zusammendenken fast selbstverständlich geschieht.

So sind bekanntermaßen weite Teile der Politik des amerikanischen Präsidenten religiös motiviert; die Einteilung der Welt in ein Reich des Bösen und des Guten und der Kampf gegen das Böse wurden folgerichtig als „just and limited war“ als „gerechter Krieg“ gekennzeichnet. Fundamentalistische christliche Positionen und politischer Selbstbehauptungswillen einer Großmacht – eine gefährliche Konstellation.

Nicht anders ist es im Nahen Osten. Der Sieg der Hamas in den Palästinensergebieten hat fundamentalistische religiöse Gruppen an die Macht gebracht; nach jahrzehntelanger politischer Unterdrückung durch den Staat Israel paart sich auch hier politischer Selbstbehauptungswille mit religiösem, diesmal islamistischem Fundamentalismus.

Und Israels Antwort ist besorgniserregend. Nun sitzen auch dort religiöse Fundamentalisten von äußerst Rechts, von denen man bisher glaubte, niemand würde mit ihnen koalieren, in der Regierung. Und ein angesichts der Geschichte der Judenheit sicherlich verständlicher politischer Selbstbehauptungswille paart sich mit jüdischem Fundamentalismus.

Auch der christliche Glaube orthodoxer Prägung erlebt auf dem Balkan und im Osten eine Renaissance; er ist traditionell nationalkirchlich ausgerichtet. Wir haben erleben müssen, wie die Serbisch-orthodoxe Kirche das Morden Milosevics  auf dem Balkan legitimierte; und wir erleben zur Zeit, wie die russisch-orthodoxe Kirche die Wiedergeburt Russlands forciert, u.a. mit einer eigenen Definition der Menschenrechte. Politischer Selbstbehauptungswille eines durch den Zusammenbruch des Ostblocks gedemütigten Volkes paart sich mit orthodox-christlichem Fundamentalismus.

Unendlich könnte man diese Reihe fortsetzen, und käme vom Iran über Pakistan, Afghanistan, Darfur und den Kongo überall zu ähnlichen Ergebnissen: Statt den Weg der Aufklärung weiter zu beschreiten und Staat und Religion zu trennen, ist weltweit eine gegenläufige Tendenz zu spüren. Religiöse Legitimierung von kriegerischen Auseinandersetzungen ist schon fast die Regel geworden. Jeder spricht auf seine Weise vom „gerechten Krieg“. Für mich ein Rückfall ins Mittelalter.

Diese Tendenz geht einher mit einer anderen, die die Voraussetzung dafür ist. Nach langen Jahrzehnten, in denen auch unsere deutsche Gesellschaft weithin lebte, als ob es Gott nicht gäbe, und in denen es chic war, aus der Kirche auszutreten, erleben wir eine Renaissance des Religiösen. Der Konsum als Gott hat ausgedient, denn mehr als Alles kann es nicht geben, und die Menschen fragen neu nach Werten. Vertrauen, Verlässlichkeit, Verbindlichkeit sind hoch im Kurs, auch bei jungen Menschen, wie die letzte Shell-Studie belegt. Und damit boomt auch die Nachfrage nach Religion.

Diese Entwicklung ist erfreulich, und ich wäre ein merkwürdiger Vertreter der Kirche, wenn ich darüber nicht froh wäre. Natürlich erlebe ich dankbar diese noch vor Jahren kaum für möglich gehaltene Wende im Denken der Menschen. Doch zusammen mit den anfangs beschriebenen Entwicklungen hin zur Verquickung von politischem Selbstbehauptungswillen und Religion gleich welcher Couleur gilt es auch wachsam zu sein.

Mehr noch: Der Renaissance der Rede vom „gerechten Krieg“, ursprünglich einmal erfunden zur Eindämmung von Kriegen, muss in einer weltweiten Anstrengung der Boden entzogen werden. Nicht nur, weil deutsche Soldaten rund um den Globus mitten in den genannten Krisenherden präsent sind und die Situation über Nacht eskalieren kann. Sondern vor allem, weil die ganze Welt, wenn sich nichts ändert, in eine gewalttätige globale Auseinandersetzung gerät, an deren Rand wir nach Meinung vieler ja schon stehen.

Wenn das Wort des Ökumenischen Rates von 1948 stimmt, dass Krieg nach Gottes Willen nicht sein soll, dann ist es unser Auftrag, uns hierfür mit aller Kraft einzusetzen. Solcher Einsatz hat nach meinem Dafürhalten eine doppelte Zielrichtung:

Erstens: Die Religion in all ihren Spielarten muss wieder entpolitisiert werden und die Politik muss entmythologisiert, von falscher religiöser Bindung befreit werden. “Gebt dem Kaiser was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist“. Jesus Christus hat klare Vorgaben einer Trennung von Staat und Politik gemacht. Alle christlichen Konfessionen hatten und haben in dieser Frage große Sündenfälle zu verantworten. Umso mehr müssen sie sich heute dafür einsetzen, in erster Linie der Politik die Vernunft und der Religion den Glauben  zuzuweisen. Und zwar rund um den Erdball. Weder der Kampf gegen das Böse, gleich ob russischer, amerikanischer oder iranischer Provenienz noch erst recht der Aufruf zum Dschihad dürfen mehr politisch geduldet werden.
 
Und zweitens müssen wir endlich anfangen, statt den „gerechten Krieg“ hinzunehmen, uns um einen „gerechten Frieden“ zu bemühen. Der berühmte Briefwechsel zwischen Albert Einstein und Sigmund Freud hatte bereits vor 70 Jahren ganz klar benannt, was offenkundig zum Krieg führt: Nämlich die Ungerechtigkeit der Verteilung der Güter dieser Welt, der Teilhabe an Macht, des Zugriffs auf die Ressourcen dieser Erde.

Ein „gerechter Friede“, um den wir uns zu bemühen haben, wäre also mehr als die bloße Abwesenheit von Krieg. Es wäre der Versuch, umfassend Hunger und Armut zu bekämpfen, Gesundheit und Bildung allen Menschen zugänglich zu machen, Menschenrechte nicht mehr nach Belieben machtpolitischen Interessen unterzuordnen und die gottgegebene Würde eines jeden Menschen zu achten, unabhängig von seiner Hautfarbe, Rasse oder Religion. 

Und wir müssten die Einsicht fördern, dass der Umgang mit Konflikten gelernt werden kann und Gewalt als Austragungsform von Konflikten geächtet wird. Die derzeit diskutierten und zum Teil auch in NATO-Einsätzen praktizierten Strategien von Friedenssicherung, Friedensherstellung und Friedensbewahrung – peacekeeping, peacemaking, peacebuilding – sind sinnvolle Schritte in die richtige Richtung. Aber bei weitem noch nicht genug.

Meine sehr verehrten Damen und Herren!
Sicherlich sind wir vom Ziel eines „gerechten Friedens“ noch weit entfernt, und mancher mag den  Einsatz hierfür als Träumerei oder Utopie bezeichnen. Doch wenn wir wollen, dass unser Gedenken am Volkstrauertag einen Sinn für die Zukunft unserer Kinder haben soll, auch wenn wir wollen, dass das Heer der Toten, derer wir heute gedenken, nicht umsonst gestorben ist, dann muss uns der Volkstrauertag zur bleibenden Mahnung werden:
wir haben unsere Verantwortung gegenüber den Kriegstoten der Geschichte erst wahrgenommen, wenn wir durch Friedensarbeit eine Wiederholung der blutigen Geschichte des zwanzigsten und der übrigen Jahrhunderte verhindern und so der Menschlichkeit auf dieser Erde eine bleibende Chance geben.

Bei dem Einsatz für dieses Ziel mag uns das Wort des großen Amerikaners Benjamin Franklin eine Hilfe sein; er hat einmal gesagt, und dem ist nichts hinzuzufügen: „Es hat niemals einen guten Krieg und niemals einen schlechten Frieden gegeben.“

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit!

Pfr. Dr. Eberhard Kenntner, Rheinbach
Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Bad Godesberg-Voreifel
 

 

 

 
 

 

 

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Geschrieben von Pressereferat BGV am 15. Februar 2006