Stimmt das Koordinatensystem?

Als Arzt wünscht er sich erst eine Anamnese, dann die Diagnose und schließlich die Therapie. Eckart von Hirschhausen fragte am Sonntagabend in der Pauluskirche „Welche Kirche braucht das Land? Die Antworten sind vielfältig. Für die Gäste auf dem Podium waren zunächst die Probleme vielgestaltig. „Wir verlieren jedes Jahr 90.000 Menschen“, unterstrich Thies Gundlach. Der Vizepräsident […]

Als Arzt wünscht er sich erst eine Anamnese, dann die Diagnose und schließlich die Therapie. Eckart von Hirschhausen fragte am Sonntagabend in der Pauluskirche „Welche Kirche braucht das Land? Die Antworten sind vielfältig.

Für die Gäste auf dem Podium waren zunächst die Probleme vielgestaltig. „Wir verlieren jedes Jahr 90.000 Menschen“, unterstrich Thies Gundlach. Der Vizepräsident des EKD-Kirchenamts sprach zudem von einer in Glaubensaussagen „Kirche der Verunsicherten“. Hinzu kämen Probleme in der Organisation. „Wir machen Fehler“, so der Theologe aus Hannover.

„Der Patient liegt keinesfalls in den letzten Zügen“, unterstrich Präses Manfred Rekowski. Aber demografischer Wandel und Relevanzkrise machten der Kirche zu schaffen. Ihn beunruhige zum Beispiel, dass von den Schülerinnen und Schülern einer Realschulklasse nur einer das Wort Konfirmation kannte.

„Unsere Antworten werden nicht mehr gehört.“ Dies sei die echte Krise betonte Stefan Vesper, Generalsekretär des Zentralrats der Katholiken. Für Siegfried Eckert besteht „in der Diagnose kein Dissens“. Die Frage sei, wie damit umgehen. Der Godesberger Pfarrer beschrieb die Kirche als Einheit von Geist, Seele und Körper. Zu viel Kraft gehe in die Optimierung des Körpers, also deren Organisation. Und dies an der falschen Stelle: „In der Fläche vor Ort wird abgeholzt, die Leuchttürme werden pedikürt“, spielte er auf das EKD-Papier „Kirche der Freiheit“ von 2006 an.

Dem hielt Gundlach entgegen: „Erst bleiben die Menschen weg. Dann werden Kirchen geschlossen.“ Dies sei kein Problem von Geld, vielmehr binden die Kirchengemeinden nicht mehr so stark wie früher. Man müsse aus den Kirchengemeinden heraus gehen, etwa in die Schulen oder am Strand taufen. „Das Problem ist vor Ort und nicht in der Hierarchie.“

So schlecht kann keiner predigen

Präses Rekowski gab eine „Überbetonung von Organisationsoptimierung“ zu. „Da haben wir zu viel gemacht.“ Kirche werde daher zunehmend als Organisation wahrgenommen, die permanent mit Struktur- und Finanzfragen beschäftigt sei. Aber das sei es nicht allein. Als Beispiel nannte er Wuppertal, wo er als Superintendent erlebte, wie der Kirchenkreis 35 Prozent seiner Mitglieder verlor. „So schlecht kann keiner predigen.“ Nun gehe es vor allem darum, unter veränderten Bedingungen kleiner zu werden.

Als Beispiel für den „Optimierungswahn“ nannte Eckert das EKD-Ziel, dass alle Kinder evangelischer Eltern auch getauft würden. Gundlach konterte: „Wo ist das Problem? Die sind doch alle evangelisch.“ Wenn von den evangelisch geborenen Kindern nur ein Viertel überhaupt getauft werde, sei dies ein großes Problem, kein Optimierungswahn. „Damit können wir nicht zufrieden sein.“ Sein Ziel ist es, über Strategien nachzudenken. „Mobile, jüngere Menschen treffen wir an anderen Orten als in der Kirchengemeinde.“

Weiterer Kritikpunkt Eckerts: Der Sparprozess in der Rheinischen Landeskirche. Nach den vorliegenden Vorschlägen sollen 20 Millionen jährlich gespart werden. 50 Prozent davon entfielen auf den Bildungsbereich. Das Landeskirchenamt bleibe außen vor. Dieses „Koordinatensystem stimmt theologisch nicht mehr“. So auf die rheinische Haushaltskonsolidierung angesprochen, ging Rekowski insbesondere auf die neun landeskirchlichen Schulen ein. „Wir müssen insbesondere von den Gebäudekosten runterkommen, um überhaupt noch tätig zu sein.“ Gleichwohl würden die Lösungen anders aussehen, als das was heute diskutiert werde. „Wir hören nicht auf zu denken, wenn wir einen Vorschlag gemacht haben.“ Und es bleibe dabei, dass eine Schließung von Schulen nicht angestrebt sein.

„Für Sie auch in Mallorca!“

Und was ist mit 2017, dem Jubiläumsjahr? „Worauf können Protestanten stolz sein?“, fragte Hirschhausen. Für Gundlach haben die Reformatoren eine besondere Seite des Evangeliums zum Leuchten gebracht, die von Aufbruch und Freiheitswille geprägt ist. Gleichwohl freue er sich über evangelische wie katholische Traditionsbestände, weil „wir nur zusammen ganz sind“.

Eckert wünschte sich eine selbstkritische und selbstbewusste Feier. Und nicht nur deutsch soll gefeiert werden, ergänzte Gundlach. Über Zürich, Wien und Canterbury werde es einen europäischen Stationenweg geben. Da brachte Eckert noch die Balearen ins Spiel. Jetzt bestand fast schmunzelnde Einigkeit: „Für Sie auch in Mallorca!“, rief Gundlach.

„2017 Reformation statt Reförmchen“ heißt das im Gütersloher Verlagshaus erschienene Buch des 51-jährigen Theologen Siegfried Eckert. Sein Erscheinen war der Anlass für die Runde zum Thema Welche Kirche braucht das Land? – Quergedachtes zu 2017.

Siegfried Eckert: 2017 Reformation statt Reförmchen, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh, 2014, 272 Seiten, 19,99 Euro

 
Leidenschaftliche Streitschrift – Siegfried Eckert und sein Buch auf ekir.de
 

 

Uta Garbisch / 23.10.2014

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