Reformation statt Reförmchen
Eine Streitschrift zur Lage der Evangelischen Kirche in Deutschland hat der Bad Godesberger Pfarrer Siegfired Eckert veröffentlicht. Harald Schroeter-Wittke hat es gelesen. Hier seine Rezension.
Kirchenleitung ist nach Schleiermacher ein höchst komplexes Geschehen. Sie geschieht nämlich nicht nur durch das, was bei uns heutzutage Kirchenleitung heißt und in Kirchenämtern sitzt und leitet, sondern Kirchenleitung geschieht auch durch freie Schriftsteller und solche Leute, die sich mit Bedacht zur Lage der Kirche in der Gegenwart äußern. Siegfried Eckerts Streitschrift ist ein solcher Beitrag zur Kirchenleitung, der längst überfällig war, weil er denen, die zur Zeit die faktische Macht der Leitung in der Kirche haben oder diese an sich ziehen wollen, einen kritischen Spiegel vorhält.
Vorweg: Eckerts Buch hat mir Spaß gemacht zu lesen! Es ist mit Verve geschrieben, mit Leidenschaft, aber auch mit Zorn, mit Mut und Unmut, mit Liebe und Frechheit. Der Popanz einer bei vielen Depressionen oder Burn-Out auslösenden Gesamtlage unserer Kirche wird in Frage gestellt, bisweilen lächerlich gemacht, so dass ich häufiger ins Schmunzeln und Lachen geraten bin – ein erster Schritt, um von dem Gefühl los zu kommen, von dem gefühlten Monster der Kirchenreform gänzlich gefressen zu werden. Nur so lässt sich den Herausforderungen Paroli bieten und werden die wahrlich nicht geringen Aufgaben, die auf uns zukommen, gestaltbar.
Mithilfe von eingestreuten Thesen aus Luthers 95 Thesen gegen den Ablasshandel von 1517 macht Eckert in seiner sprachlichen Analyse der Programmschrift deutlich,
wie stark die Ökonomisierung als bestimmende Denkkategorie und –haltung in unserer Kirche Einzug gehalten hat,
wie dadurch böse Unterstellungen und Misstrauen untereinander wachsen und wachsen,
wie sich durch den Druck, der auf allen Ebenen durch das Konkurrenzdenken erzeugt wird, eine schleichende Lähmung allerorten breit macht,
wie alle Lebensäußerungen (und damit auch Kultur und Kunst) zu Beiwerken dieses ökonomischen Denkens in der Ev. Kirche werden.
Demgegenüber behauptet Eckert, dass die EKD den Ernst der Lage noch gar nicht erkannt habe: „Nicht die äußeren Faktoren sind existenzgefährdend, der innere Zustand der Kirche stellt die viel größere Gefahr dar.“ (26) Diese Gefahr führt Eckert den Leserinnen und Lesern in den ersten beiden Kapiteln vor: „Die getriebene Kirche“ – „Die ausbrennende Kirche“, um dann in zwei Kapiteln seine Vision zur Diskussion zu stellen: „Die Kirche ohne Spielführer“ – Die reformationsbedürftige Kirche“.
Und das Beste bzw. Schlimmste zum Schluss: Noch ist überhaupt kein Nachweis darüber erbracht, dass die bislang vorgenommen Reformumstellungen der letzten 10 Jahre irgendetwas eingespart hätten. Stattdessen hat z.B. die Umstellung des Finanzsystems enorme Beträge verschlungen, ohne dass Einsparungen in Sicht wären, von den Beratungskosten, die sich die Kirche gegönnt hat, einmal ganz zu schweigen.
Bei vielen, die führend an diesen Kirchenreformplänen der letzten 20 Jahre mitgewirkt haben, wird Eckert sich unbeliebt machen. Aber das gehört dazu, wenn man kirchenleitend tätig ist. Es wäre dem Buch zu wünschen, dass die Kirche hier als Imperium nicht zurückschlägt, sondern als Leib Christi ein offenes Ohr hat für die Sichtweisen, die Schmerzen, die Einsichten, die Abbrüche, die Widersprüche, die Bedenken, die Utopien, die in diesem Buch Sprache gefunden haben.
Ein Letztes: Das Buch wird auch viele Trittbrettfahrer haben, die am liebsten alles so hätten, wie es immer schon war. Aber eine solche Vereinnahmung verkennt Eckerts Buch gründlich. Denn Eckert geht es um Reformation, nicht um Sandkastenspiele, nicht darum, noch einmal glimpflich davon zu kommen, sondern um die Wahrheit des Evangeliums gepaart mit Gottvertrauen in unruhigen Zeiten.
Prof. Dr. Harald Schroeter-Wittke, Universität Paderborn
Siegfried Eckert: 2017. Zweitausendsiebzehn. Reformation statt Reförmchen, Gütersloher Verlagshaus 2014. gebunden 272 S. EUR 19,99. ISBN 978-3-579-08515-9.
Die Langfassung der Rezension erscheint gleichzeitig am 1. Oktober in: Tà katoptrizómena, Magazin für Kunst, Kultur, Theologie und Ästhetik
01.10.2014
© 2015, Kirchenkreis Bad Godesberg-Voreifel – Ekir.de
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung