Landessynode 2020: Abgeordneten-Sicht

Die Vertreter aus Bad Godesberg und der Voreifel: Frank Bartholomeyczik, Siegfried Eckert, Mathias Mölleken, Irmela Richter, Schulreferentin Dr. Beate Sträter (als Gast) und Norman Rentrop (v.l.n.r.). Foto: Uta Garbisch

Die Landessynode bestimmt den Kurs der Evangelischen Kirche im Rheinland. Fünf Vertreterinnen und Vertreter sind aus dem Kirchenkreis Bad Godesberg-Voreifel dabei.

Der Kirchenkreis Bad Godesberg-Voreifel ist in Bad Neuenahr vertreten durch Superintendent Mathias Mölleken (Kirchengemeinde Meckenheim), Pfarrer Siegfried Eckert (Thomas-Kirchengemeinde Bad Godesberg), Irmela Richter (Kirchengemeinde Rheinbach), Frank Bartholomeyczik (Kirchengemeinde Meckenheim) sowie den berufenen Synodalen Norman Rentrop (Bad Godesberg) bzw. seine Vertreterin Dr. Ebba Hagenberg-Miliu (Bad Godesberg).

Superintendent Mathias Mölleken (Kirchengemeinde Meckenheim):

Wie in jedem Jahr hat sich die Landessynode mit einer Vielzahl von Themen beschäftigt, die deutlich den Anspruch von „Relevanz und Resonanz“ als Kirche in der Gesellschaft erhebt und auch kenntlich macht.

Thematischer Schwerpunkt war das Verhältnis von Kirche und Diakonie – Grußworte, Andachten und Wortmeldungen bezogen sich sehr konkret auf diakonische Handlungsfelder und gaben Beispiele einer sich zuwendenden und damit diakonischen Kirche beziehungsweise Gemeinden. So verwundert es nicht, dass die Synode noch einmal bekundet hat, das Verhältnis zwischen Diakonie und Kirche zu intensivieren. Die Rheinische Kirche sieht eine besondere Stärke im diakonischen Handeln im jeweiligen Sozialraum.

Dazu passend wurde zum Beispiel die Forderung einer Kindergrundsicherung beschlossen, weil es nahezu unerträglich ist, dass in einem reichen Land wie Deutschland die Kinderarmut zunimmt. Wir konnten hier erkennen, dass wir auch mit unserer Kreissynode im vergangenen Jahr ein wichtiges Thema aufgenommen haben. Jetzt muss es aber um mehr als nur um Bekundungen gehen.

Eindrucksvoll war das Grußwort des Vizepräsidenten des Zentralrates der Juden in Deutschland, Abraham Lehrer, der als Gast zum einen die bewusste Vertiefung des Synodalbeschlusses vor 40 Jahren zur „Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden“ begrüßte, zum anderen angesichts des zunehmenden Antisemitismus in unserer Gesellschaft eine deutlichere Positionierung gegenüber dem Staat Israel im Sinne einer solidarischen und sich zuwendenden Grundhaltung einforderte. Mit dem erneuerten Beschluss „Umkehr und Erneuerung“ bewege sich die Rheinische Kirche, freiwillig aus der Komfortzone, so Lehrer. Eine große Nachdenklichkeit war bei allen Synodalen wahrnehmbar – auch bei mir, wenn es denn heißt, wie setzen wir dieses Bewusstsein in Schule, Kirchlichem Unterricht, in unserer Gesellschaft deutlicher um?

Die Abgeordneten im Plenum. Foto: Uta Garbisch

Ein weiteres wichtiges Thema war die Diskussion um den Umgang zu den kritischen und sehr berechtigten Fragen zur Umstellung auf die neue Finanzsoftware Wilken P5. Die exorbitanten Kostenerhöhungen, die sich Verlauf des Prozesses ergeben haben, drohten das Vertrauen in die Kirchenleitung und ihr Prozessmanagement zu erschüttern. Wieder einmal – könnte man sagen, da sich die Mängel und Intransparenz bei der Einführung von NKF zu wiederholen scheinen. Schon im Bericht des Präses nahm dieser zu den Fehlern und der verspäteten Information der Synode ausführlich Stellung und bat eindringlich die Synode um Entschuldigung. Hier offenbare sich, so bestätigte der auch dafür bestellte Prüfer, eine Tragik, die darin bestehe, dass auch dieser Kirchenleitung ein Fehler und Vorgehen unterläuft, den sie gegenüber der Vorgänger-Kirchenleitung erklärterweise in jedem Falle verhindern wollte. Die Synode fand nach ausführlichen Beratungen zu einer Erklärung, die die weitere Aufklärung vorsieht, vor allem Konsequenzen und Vorgaben für zukünftige Prozesse macht. Nachvollziehbar war bei allem Verständnis aber doch auch eine deutliche Rüge gegenüber der Kirchenleitung, die die Synode viel zu spät über die Vorgänge informiert hat. Im Unterschied zu manch anderem Handeln in unserer Gesellschaft erwies sich hier aber auch unsere Verantwortung als Kirche, die sowohl kritisch prüft als aber auch zu seelsorglichem und vergebendem Handeln fähig bleibt.

Wie immer sind die Randgespräche oder auch das Ausklingen der Synodaltagung abends in der „Bayrischen Botschaft“ wichtige Gelegenheiten, um kirchliche Themen aber auch persönliches auszutauschen.

Bis zur nächsten Wahl – dann wird es insofern spannend, weil unter anderem eine beziehungsweise ein neuer Präses gewählt werden muss.

Dr. Ebba Hagenberg-Miliu (Bad Godesberg):

Was meine persönlichen Höhepunkte bei der diesjährigen Landessynode waren? Ganz klar der Einsatz für die Kindergrundsicherung und gegen die Armut von Kindern und Jugendlichen, ihre materielle Not, mangelnde Bildungschancen, gegen ihre gesundheitlichen Benachteiligungen und das, was man im sperrigen Behördendeutsch „die fehlende Teilhabe“ nennt. Also dass kein Kind aus welchen Gründen auch immer nicht gleichberechtigtes Mitglied unserer Gesellschaft sein kann. Darin ist die EKiR stark: Sie legt den Finger direkt in schwärende Wunden und benennt Möglichkeiten, sie zu heilen. Hoffentlich hilft`s.

Das tat die Landessynode dieses Jahr auch wieder in Bezug auf die traumatischen Zustände für Flüchtlinge an den EU-Außengrenzen. Der den Beschluss für eine zivile Seenotrettung und den Beitritt zum entsprechenden Aktionsbündnis begleitende Analysetext liest sich so nervenaufreibend, dass er auch jedem Hassbürger empfohlen sei. Viel Freude machte mir auch, dass die mutige neue Ökumenekonzeption bei nur einer Gegenstimme verabschiedet wurde.

Zum Umgang mit dem „Softwaremurks“, wie mein Sitznachbar Siegfried Eckert das Thema nennt: Wie ergriffen Synodale sich schließlich gegenseitig dankten, mit den doch höchst blamablen Fehlplanungen so christlich umgegangen zu sein, befremdete mich dann doch. Sind wir uns eigentlich noch bewusst, wie eine solche Attitude „nach außen“ auf die Menschen wirkt, die hoffentlich noch weiter ihre Kirchensteuern zahlen?

Frank Bartholomeyczik (Kirchengemeinde Meckenheim):

Die Landessynode stand unter dem Motto Diakonie. Nur blieb es bei einem Vortrag des Präsidenten der Diakonie, bei ohne Arbeitsauftrag tagenden Arbeitsgruppen und einem einen diese Ergebnisse zusammentragenden Vortag. Ein Abend der Begegnung wurde zu Begegnungen zwischen Diakonie und Synode nicht genutzt, es gab leider keine Anregungen. Leider eine verpasste Chance!

Die Synode stand unter dem Eindruck von Kostensteigerungen und mangelnder Information zur Einführung der neuen Finanzsoftware. Es wurde deutlich, dass Leitungshandeln und Projektmanagement in unserer Organisation Kirche nicht ausreichend Raum haben. Es stellt sich da die Frage, ob die Bitte um Entschuldigung ausreicht, aber auch, wie wir es als Kirche mit einer Fehlerkultur halten. Gerade weil diese Kirchenleitung mit einem hohen Anspruch an Transparenz angetreten ist, waren die persönlichen Erklärungen des Präses und des Finanzdezernenten bedrückend, erschütternd und hinterließen Stille im Plenum.

Nachdem die Synode erst langsam in Gang kam, war es doch eine sehr intensive Synode mit kontroversen Diskussionen besonders in den Ausschüssen und in den Pausen. Obwohl für mich doch ein irgendwie enttäuschendes Gefühl zurückbleibt, weil viele Fragestellungen nicht ausreichend oder nur oberflächlich besprochen wurden, bin ich mit den Entscheidungen im Finanzbereich sehr zufrieden. Auch ist es für mich sehr erfrischend, wie offen und kontrovers in Ausschüssen diskutiert werden kann und dann das Ergebnis gemeinschaftlich getragen wird.
Das wird den Gemeinde Luft geben, die ausstehenden und notwendigen Konsolidierungsmaßnahmen in Ruhe und mit Augenmaß anzugehen.

Pfarrer Siegfried Eckert (Thomas-Kirchengemeinde Bad Godesberg):

Komisches Schweigen

Kleiner Erfolg für den Initiativantrag unseres Synodalen Siegfried Eckert (Mitte) zur Klimagerechtigkeit: Bis zur nächsten Synode soll dem Thema in den Ständigen Ausschüssen der Rheinischen Landeskirche eine entscheidende Rolle zukommen. Foto: Uta Garbisch

Als Präses Rekowski eher beiläufig auf der Synode bekanntgab, nächstes Jahr nicht mehr als Präses zu kandidieren, herrschte ein „komisches Schweigen“. So beschrieb eine Mitsynodale dieses Momentum. Eher eigenartig war die ganze Synode. Unbefriedigend wurde das Synodenthema „Diakonie“ behandelt. Eigenartig war es, wie die Synode mit dem Softwaremurks verfuhr. Berührend war es, wie am Ende öffentlicher und nichtöffentlicher Debatten mit der Thematik umgegangen wurde. Eigenartig bleibt, wie wenig Raum für Theologisches ist. Bei ihrer Betriebsamkeit bemerkte die Synode es nicht, welch revolutionäre Ökumene-Konzeption beschlossen wurde.

Erstaunlich ist, wie viel Geld da ist für den Kirchentag, für höhere Ruhegehälter auf der mittleren Ebene und den Erhalt der Kirchlichen Hochschule in Wuppertal. Erstmalig erlebte ich seit 2002, dass bei gefüllter Versorgungskasse 29 Euro pro Gemeindeglied an die Basis zurückfließen. Komisch war es, wie mit meinem Initiativantrag für mehr Klimagerechtigkeit verfahren wurde. Manche Ungeschicklichkeit erinnerte an frühere Synoden. Es bleibt zu hoffen, dass mit den Wahlen im nächsten Jahr frischer Wind in die rheinische Kirche kommt.

Irmela Richter (Kirchengemeinde Rheinbach):

Synode bedeutet dem Wortsinn nach gemeinsamer Weg. Als Ringen um einen gemeinsamen Weg habe ich die Synode in diesem Jahr erlebt. Mit Spannung habe ich auf die Diskussion um die Kostenentwicklung für die neue Finanzsoftware gewartet. Es gab einen Vorschlag der Kirchenleitung zur Aufarbeitung. Die Synode hat sich jedoch für einen anderen, einen eigenen Weg entschieden, der zuvor in den Tagungsausschüssen beraten wurde. Es geht um eine sorgfältige Analyse und darum, wie in Zukunft bestimmte Fehler vermieden werden können. Das alles geschah in einer sehr wertschätzenden, offenen Atmosphäre, in der der zuständige Finanzdezernent Bernd Baucks eine bewegende persönliche Erklärung abgab. Die Synodalen schienen alle miteinander den Atem anzuhalten, es war mucksmäuschenstill im Saal. Auch der Präses hat sich öffentlich entschuldigt. Einen solchen Umgang mit Fehlentscheidungen kann ich mir im politisch-öffentlichen Raum nicht vorstellen.

Ein weiteres Thema war die Umsetzung der im vergangenen Jahr beschlossenen Jugendpartizipation. Die Vertreterin der Evangelischen Studierendengemeinden berichtete mir von ihren Erfahrungen in der gemeindlichen Jugendarbeit. Nach Jahren als Kindergottesdiensthelferin verspürte sie den Wunsch nach weiteren, spannenden Angeboten, an denen sie vielleicht einfach nur teilnehmen konnte. So etwas gab es in ihrer Umgebung nicht. Sie verlor den Kontakt zur Gemeinde und damit zur Kirche. Im Studium entdeckte sie eher zufällig die Studierendengemeinde, wurde zu einer Tagung eingeladen und traf dort andere junge Menschen, die ähnlich dachten wie sie. So fing Kirche an, ihr wieder Spaß zu machen. Ich denke, wir müssen aus solchen Erfahrungen lernen, wenn wir für junge Menschen interessant bleiben wollen.

Geschrieben von Dr. Uta Garbisch am 18. Januar 2020