„Landespolitik erkennt nicht den Ernst der Lage“

Über die Zukunft evangelischer Kindertageseinrichtungen in NRW diskutierten Landespolitiker und Kirchenvertreter. Zentrale Forderung der evangelischen Kirche: Die Absenkung des Trägeranteils. Die Bonner Fachberaterin Ursula Gerlach-Keuthmann war dabei.

Sind Sie jetzt schlauer?

So kurz vor einer Landtagswahl kann man von Politikern natürlich keine dezidierten Aussagen zu dem heiklen Thema der Finanzierung kirchlicher Kindergärten erwarten, aber ich fand es gut, dass die vielen Teilnehmeräußerungen die Forderung nach Absenkung des Trägeranteils eindrucksvoll unterstützt haben. Diese Veranstaltung war wichtig!

Der Eigenanteil von 20 Prozent bringe viele Gemeinden an die Belastungsgrenze, sagte der rheinische Diakonie-Direktor Uwe Becker in Düsseldorf. Weitere Schließungen drohten. Die Kirchen beklagen, sie würden schlechter gestellt als die anderen freien Träger, die höchstens zehn Prozent Eigenmittel aufbringen müssen. Wie sehen Sie das?

Die Reaktionen der Ministerin und der anderen Politiker auf diese Feststellung hat gezeigt, dass die Landespolitik den Ernst der Situation noch nicht erfasst hat. Bei einem Trägeranteil von 20 Prozent der Betriebskosten müssen Kirchengemeinden für eine Kindergartengruppe im Durchschnitt 20.000,-Euro aufbringen. Bei stetig sinkenden Kirchensteuereinnahmen ist dies nicht mehr zu leisten. Die als „Arme Träger“ anerkannten Träger (DRK, AWO, Johanniter, Vereine, usw.) haben offiziell einen Trägeranteil von 9 Prozent, übernehmen aber in der Regel nur dann eine Einrichtung wenn die Kommune den Trägeranteil zu 100 Prozent übernimmt und zusätzlich die „Overheadkosten“ übernommen werden. Das bedeutet: diese Einrichtungen werden bis zu 104 Prozent gefördert. Diese Entwicklung können unsere Kirchengemeinden nicht mehr akzeptieren.

Manch eine Kirchengemeinde überlegt, ihre Einrichtung an einen anderen Träger abzugeben. Was halten Sie davon?

Kirchliche Kindergärten genießen in der Öffentlichkeit ein hohes Ansehen. Die Vermittlung von Werten und die religiöse Erziehung werden von Eltern wieder stärker nachgefragt. Unsere Kirchengemeinden sollten sehr genau prüfen, ob dieser Schritt die letzte Möglichkeit ist. Wir brauchen Kindertageseinrichtungen die ein evangelisches Profil haben und die zu einer Gemeinde gehören. Wir müssen aber auch Wege finden, durch neue Formen der Trägerschaft, Kirchengemeinden zu entlasten. Unsere „Interessengemeinschaft evangelischer Tageseinrichtungen für Kinder in Bonn“ ist dazu ein erster Schritt.

Bis 2007 werden die Horte zugunsten der sogenannten Offenen Ganztagsgrundschulen geschlossen. Wie schätzen Sie die Zukunft ein: Wird es in zehn Jahren noch evangelische Kindertagesstätten geben?

Evangelische Kindertagesstätten haben eine Zukunft. Allerdings wird sich das Alter der betreuten Kinder stark verändern. Es ist der politische Wille, Schulkinder nur noch in der Schule zu Betreuen. Der Hort wird leider zu Gunsten der billigeren Lösung der Offenen Ganztagsgrundschule geopfert. Kindertagesstätten werden vermehrt zweijährige Kinder aufnehmen. Das bedeutet für unsere Einrichtungen, die neben der Betreuungsaufgabe einen eigenständigen Bildungs- und Erziehungsauftrag haben, viel Veränderung und flexibles Handeln. Die Anforderungen an die Mitarbeiterinnen und Träger sind hoch. Aber es lohnt sich!

Die Fragen stellte Uta Garbisch

 

 

 
 

 

 

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Geschrieben von Pressereferat BGV am 15. Februar 2005