Innovationen fruchtbar machen

20-jähriges Jubiläum in Meckenheim: Pfarrerin Ingeborg Dahl. Foto: privat

Zwanzig Jahre im Pfarramt und jetzt auch wieder mit voller Stelle: Die Meckenheimer Pfarrerin Ingeborg Dahl ist eine der „dienstältesten“ Theologinnen im Kirchenkreis Bad Godesberg-Voreifel. Genügend Gründe für ein Interview.

Frau Dahl, Sie kamen im Jahr 2000 nach Meckenheim und haben schon in ganz unterschiedlichem Dienstumfang dort gearbeitet. Wie kam das?

Zwanzig Jahre Pfarramt in Meckenheim, 14 davon war ich mit einer halben Pfarrstelle betraut. Mit 30 Jahren kam ich als Neuling und Berufsanfängerin in ein Team mit Angelika Zädow und Mathias Mölleken. Beide haben kurz zuvor in Meckenheim die Pfarrstelle angetreten und so machten wir gemeinsam unsere ersten Schritte in dieser Gemeinde. Sechs Konfirmandengruppen unter der Woche mit je rund 15 Jugendlichen in meinem Bezirk, das war eine Hausnummer! Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, als ich wenig später Mutter wurde und auf meinem Schreibtisch „landunter“ war. Auch weiß ich noch gut, wie minutiös die Woche geplant werden musste. In dieser Familienzeit war ich dankbar, dass mein Mann Vollzeitvater war. Die spätere Pfarrstellenteilung hat wichtige Erfahrungen mit sich gebracht, unter anderem was es heißt, eine halbe Stelle begrenzen zu müssen. Vor fast fünf Jahren hat Pfarrer Nosek die Nachfolge meines Mannes in der anderen halben Stelle übernommen, so dass wir beide mit soliden Vorerfahrungen gute Voraussetzungen hatten, so manche Klippe in reduzierter Stelle gut zu meistern. Pfarrer Nosek ist mit Beginn diesen Jahres ins Schulpfarramt gewechselt, seitdem bin ich wieder mit der ganzen Stelle betraut.

Seinerzeit haben Sie die Nachfolge von Gisela Martin angetreten, der ersten Pfarrerin im ganzen Kirchenkreis. Hatte das eine Bedeutung?

Aus den Gesprächen mit ihr habe ich erfahren, dass Gisela Martin mit Hürden zu kämpfen hatte. Und sie hat gekämpft. Heute denke ich, dass meine Vorgängerin – anders als ich – mit Widerständen zu tun hatte, die es zu meiner Zeit nicht mehr gab. Aber ich bin mir auch sicher, dass sie eine Kämpfernatur ist – wie man so schön sagt – so habe ich sie in all den Jahren erlebt.

Und heute? Sind Frauen in diesem Beruf ganz selbstverständlich?

Es gibt sicherlich Berufe, in denen es für Frauen schwerer ist bzw. war, akzeptiert zu werden, wo zum Beispiel körperlicher Einsatz oder eine besonders starke Durchsetzungskraft erforderlich ist. Ich glaube sogar, dass Pfarrerinnen spontan Respekt entgegengebracht wird, weil man schnell geneigt ist, ihnen Kompetenzen wie Empathie, Kooperationsbereitschaft, Flexibilität und Ausdauer beizulegen. In den zurückliegenden zwanzig Jahren habe ich von einer Witwe im Trauergespräch für ihren verstorbenen Mann, der Soldat war, einen indirekten Affront erlebt: „Nicht wahr, Frau Pastorin Dahl, ihr Mann ist doch auch Pfarrer. Er könnte die Trauerfeier auch halten.“ Wer weiß, ob es etwas damit zu tun hatte, dass sie sich mich als Frau in dieser Aufgabe nicht vorstellen konnte? Der Witwe kam es in jedem Fall sehr entgegen, dass es eine Alternative gab.
Was hat sich denn generell oder auch ganz praktisch in den letzten zwanzig Jahren verändert?

Zwei Dinge fallen mir sehr schnell ein. Als wir die erste Begehung im Pfarrhaus vor dem Einzug hatten, staunte ich über das „Wartezimmer“ im Flur hinter dem Arbeitszimmer. Da gab es noch „Sprechstunden“ das heißt, Gemeindemitglieder standen ohne Termin an der Tür. Viel flexibler und unkomplizierter ersetzten heute digitale Möglichkeiten erste Kontakte, in denen es um schlichte Absprachen geht.

Gemeindearbeit hat sich professionalisiert, für alles braucht es Fachleute. Ich erinnere noch Gespräche im Leitungsgremium, unser Gemeindelogo über einen Wettbewerb in der Gemeinde zu organisieren. Der Küster ist heute mehr Veranstaltungstechniker oder Eventmanager – oder sollte es sein? Vergleiche ich Tagesordnungen im Presbyterium von vor 20 Jahren, lässt sich leicht sehen, dass juristische Fragen komplizierter geworden sind und Vorsitzende mehr und mehr Geschäftsführer wurden mit allen rechtlichen Implikationen.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?    

Ich habe Kirche verbunden mit einem gewissen Musikgeschmack, mit einem soziologischen Charakter und einem bestimmten Bildungslevel. Die jüngsten Erfahrungen zeigen, wie durchlässig die Grenzen in digitalen Formaten sind. Und ich ertappe mich dabei, dass ich nur das als leibhaftige Kirche verstehe, wo Menschen in einem Stuhlkreis sitzen. Wir haben in den letzten Wochen neue Kontaktflächen eröffnet und das auch nicht nur zu jungen, sondern auch zu älteren Menschen, die beileibe nicht so digital ahnungslos sind, wie manche glauben machen wollen.

Ich wünsche mir eine Kirchenleitung, die die vielen jungen Theologinnen und Theologen unterstützt, die hier mit gutem Beispiel voran gehen. Deren Innovation könnte fruchtbar gemacht werden für viele Gemeinden vor Ort.

Ingeborg Dahl, geboren 1969 in Kenia, studierte in Tübingen, Heidelberg und Bonn. Bereits als Vikarin und Pfarrerin zur Anstellung arbeitete sie Meckenheim. Sie ist mit dem Gefängnisseelsorger Knut Dahl-Ruddies verheiratet. Das Paar hat drei Kinder im Alter von zwölf bis 18 Jahren.

Geschrieben von Dr. Uta Garbisch am 01. Juli 2020