Gleichberechtigung: Umkämpft und unerreicht

Die Quote reicht nicht: Mithu Sanyal im Bonner Kirchenpavillon. Foto: Uta Garbisch

100 Jahre Frauenwahlrecht sind ein Grund zum Feiern. Aber auch ein guter Anlass, Bilanz zu ziehen. Das taten die Kulturwissenschaftlerin und Autorin Dr. Mithu Sanyal und die Historikerin Dr. Barbara von Hindenburg im Bonner Kirchenpavillon. Und diese Bilanz ist gemischt: Der prozentuale Anteil von Frauen in den Parlamenten nimmt wieder ab. „Es kann einen Stillstand geben, sogar zurückgehen“, so Mithu Sanyal. Frauen sind in den Parteien generell unterrepräsentiert, übrigens: je weiter links, desto mehr Frauen finden sich (Grüne 39 Prozent – FDP 20 – AfD 16).

Frauen schwärmen nicht für endlose Gremiensitzungen, für die männerdominierte Redekultur, für die Ochsentour bis zum Aufstieg bleibt aus familiären Gründen kaum Zeit. In Nicht-Regierungsorganisationen ist das generell anders, hier sind die Geschlechter paritätisch vertreten. Bundesweit hat die bayerische Stadt Erlangen mit 44 Prozent die höchste Frauenquote in der Kommunalpolitik. Dort sorgt man nämlich für Kinderbetreuung während der Gremiensitzungen. Und die Quote? Sie verändert jedenfalls nicht die traditionelle Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern. Mithu Sanyal zitiert Antje Schrupp: „Wir brauchen keine Frauenquote. Wir brauchen eine Feministinnenquote!“

„Denn es gibt nicht nur eine toxische Männlichkeit, sondern auch eine toxische Weiblichkeit, das Cinderella-Syndrom. Deskriptive Repräsentation führt nicht zu substantieller“, unterstrich Sanyal. „Frauen wählen auch die eigene Unsichtbarkeit: Warum sind es etwa zu 90 Prozent Männer, die Texte bei Wikipedia einstellen?“
Was also tun? Die Kulturwissenschaftlerin wünscht sich ein Ministerium für gesellschaftlichen Wandel, das die Veränderungen für beide Geschlechter in Blick nimmt. Und generell mehr weibliche Kompetenz im Bereich der Ökonomie. „Das ist eine große Herausforderung.“

100 Jahre Frauenwahlrecht: Barbara von Hindenburg referierte. Foto: Uta Garbisch

Zuvor schilderte Barbara von Hindenburg informativ und kenntnisreich den durchaus weiten Weg zum Frauenwahlrecht. „Bewährung durch Leistung“ war damals die Devise. Die Rückschau ist durchaus ambivalent, denn es war ein mühsamer Alltag in den Parlamenten. Gleichberechtigung herrschte keineswegs. Und ab 1938 stand dann das Mutterkreuz im Vordergrund.  Nach 1945 begann ein schwieriger Neubeginn. Der Parlamentarische Rat hatte als verfassungsgebende Versammlung zunächst die Gleichberechtigung gar nicht im Sinn. Die Politikerin Elisabeth Selbert hat sie als eine der nur vier „Mütter des Grundgesetzes“ maßgeblich erwirkt. In Teilen nur auf dem Papier. Erst seit 1959 dürfen Frauen ohne Zustimmung des Mannes ein eigenes Konto eröffnen. Ab 1977 gelingt die Berufsausausübung auch ohne Zustimmung des Gatten. Erst 1997 wird die Vergewaltigung in der Ehe strafbar. Heute werden nur zehn Prozent der Städte von Bürgermeisterinnen regiert.

Was muss ich ändern? Gemeinsame Ideensammlung. Foto: Uta Garbisch

Die reine Forderung nach Parität reiche daher nicht, waren sich die Referentinnen einig. Politische Teilhabe müsse mit den Strukturen und der Familie vereinbar sein. Die Teilnehmerinnen werden an einer Resolution weiter arbeiten, um das Anliegen Gleichberechtigung weiter zu befördern. Durch den informativen Nachmittag führten Pfarrerin Dagmar Gruß, Synodalbeauftragte für Frauenfragen des Kirchenkreises Bonn, und die Frauenbeauftragte des Evangelischen Kirchenkreises Bad Godesberg – Voreifel, Sabine Cornelissen.

Uta Garbisch/Dagmar Gruß

Geschrieben von Dr. Uta Garbisch am 13. März 2019