Freifunk für Flüchtlinge
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Flüchtlinge brauchen nicht nur Kleidung und Essen, sie brauchen auch Zugang zum Internet, um Kontakt in ihre Heimat zu halten. Kirchengemeinden und Privatpersonen können dabei helfen und freies WLAN über Freifunk zur Verfügung stellen.
Ein Gespräch mit Jochim Selzer, Datenschutzbeauftragter der Evangelischen Kirche in Bonn und Bad Godesberg-Voreifel sowie Freifunker der Gruppe Köln, Bonn und Umgebung.
Warum brauchen Flüchtlinge Internetzugang?
Kommunikation ist ein ganz entscheidender Faktor für sie. Viele Flüchtlinge haben fast ihre gesamte Flucht über Mobilgeräte organisiert. Für sie sind Telefone überlebensnotwendig gewesen. Jetzt möchten die Menschen den Kontakt zu Freunden und Verwandten in der Heimat halten. Teils, um sie zu informieren, wie es in Deutschland weitergeht, teils, um zu erfahren, wie es denen geht, die sie zurücklassen mussten. Und das läuft über Internet ab, über Internettelefonie oder einen Nachrichtenmessenger.
Offenes, frei zugängliches WLAN gibt es jedoch in Deutschland kaum.
Genau, das liegt an der Störerhaftung. Verknappt ausgedrückt besagt dieser Teil des Telemediengesetzes, dass jemand, der WLAN öffentlich zur Verfügung stellt, dafür gerade stehen muss, was mit dieser Leitung geschieht. Um ins Internet zu kommen, können Flüchtlinge daher meist nur auf Internetcafés ausweichen. Das ist aber keine Alternative, da es natürlich immer mit Kosten verbunden ist und einige Kommunikationskanäle nur für Smartphones, nicht für Desktoprechner zur Verfügung stehen.
Wie kann Freifunk Flüchtlingen helfen?
Freifunk ist eine Initiative, die versucht, eine zum Internet parallel gelagerte Infrastruktur aufzubauen. Sie ermöglicht Flüchtlingen, frei und unzensiert Internet zu nutzen. In den meisten Flüchtlingsunterbringungen gibt es zurzeit vielleicht höchstens einen Internetanschluss, der im früheren Büro des Hauses liegt. Hier die nötige Infrastruktur zu schaffen, dauert. Schon allein wegen des bürokratischen Aufwands. Wir Freifunker spannen hingegen ein offenes WLAN-Netz auf. Dafür braucht man nur einen Router, den man mit einer speziell für den Freifunk geschriebenen Software bespielt und dann mit einem vorhandenen Internetanschluss verbindet. Auf unseren Webseiten gibt es ausführliche Anleitungen, wie das auch für technische Laien unkompliziert geht. Und schon ist ein ganzes Haus mit Internet versorgt.

Joachim Selzer Foto: Uta Garbisch
Das klingt einfach und gut, doch bleibt immer noch das Risiko der Störerhaftung.
Das tatsächliche rechtliche Risiko ist bei Freifunk gering. Wir sorgen dafür, dass es sehr schwer wird, Internet-Abrufe von der eigenen Freifunkzelle zurückzuverfolgen. Die Störerhaftung wird also durch eine technische Lösung rechtlich umgangen. Das ist zwar keine Garantie dafür, dass diese Lösung für immer gilt. Aber wenn es irgendwann einmal zu riskant wird, auf diese Weise W-LAN anzubieten, können wir immer noch empfehlen, die Geräte wieder abzuschalten.
Sie haben bereits Freifunk in Flüchtlingsunterkünften in Köln und Bonn wie auch in ihrer eigenen Kirchengemeinde installiert. Würden Sie anderen Gemeinden raten, Freifunk für Flüchtlinge zur Verfügung zu stellen?
Unbedingt. Es wäre schön, wenn sich viele Gemeinden dazu bereit erklärten und sagten: „Wir wissen, es gibt zwar ein geringes, vorhandenes Risiko, aber wir sind bereit, dieses Risiko in Kauf zu nehmen, weil in der Summe etwas Gutes dabei rumkommt.“ Nämlich Menschen mit einem sehr wichtigen Gut wie Kommunikation zu versorgen. Das ist eine Entscheidung, die Kirche ruhig einmal treffen kann. Frei nach dem Motto: Wir können nicht anders – aus Menschenfreundlichkeit.
Wie gehe ich als Kirchengemeinde vor, wenn ich Freifunk für Flüchtlinge zur Verfügung stellen möchte?
Eine Kirchengemeinde sollte zunächst im Presbyterium entscheiden, ob sie hinter diesem Projekt steht. Dann gibt es zwei Möglichkeiten: Die Gemeinde kann einen eigenen Raum, zum Beispiel ein Willkommenscafé für Flüchtlinge, mit Freifunk ausstatten. Dann empfiehlt es sich, vorher mit dem Datenschutzbeauftragten der Gemeinde zu klären, wie der Freifunkrouter an das gemeindeinterne Computernetzwerk angeschlossen werden kann. Oder die Gemeinde spricht mit dem Betreiber einer Flüchtlingsunterkunft über ihr Vorhaben, dort WLAN einzurichten. In beiden Fällen kann sie sich an die örtliche Freifunkinitiative wenden. Die Freifunker machen eine Ortsbegehung, beraten, helfen beim Aufbau und bei der Einrichtung des Routers.
Wie viel kostet das?
Die Freifunker sind eine freiwillige Initiative. Dahinter steckt schon fast ein sozialistischer Gedanke: Ich habe sowieso Netz und ein bisschen Bandbreite zu viel, warum soll ich das nicht mit anderen teilen. Das heißt, man braucht nur noch einen geeigneten Router zu kaufen. Günstige Angebote bekommt man schon für rund 20 Euro. Um eine Flüchtlingsunterkunft mit WLAN zu versorgen braucht man je nach Gebäudegröße vielleicht fünf Router, das wären 100 Euro. Mit wenig Aufwand kann man also schon viel erreichen.
Und was ist, wenn ich freies WLAN anbiete und keiner loggt sich ein, weil es keiner weiß?
Sie könnten in Ihrer Umgebung Zettel aufhängen. Darauf steht zum Beispiel: „Hallo, wir haben Freifunk eingerichtet. Die Funkzelle heißt … Viel Spaß dabei.“ Eine Kirchengemeinde könnte auch in ihrem Gemeindebrief dafür Werbung machen. Am Ende spricht sich so etwas aber auch einfach schnell rum. Ich habe etwa vor kurzem einen multikulturellen Frauentreff mit Freifunk ausgestattet. Eine Stunde später waren bereits zehn Geräte online, ohne dass ich irgendwem davon erzählt hätte. Die Menschen schalten einfach ihr Smartphone ein, sehen ein offenes WLAN und sind online. Das ist toll.
Das Interview führte Simone Becker für fremdling.eu. Das ist eine Aktion der Evangelischen Kirche im Rheinland. Sie möchte zum Nachdenken anregen und über das Fremdsein ins Gespräch kommen.
Auf dem Barcamp Kirche Online im September in Essen hat Jochim Selzer beschrieben, wie Kirchengemeinden ihre Kirchtürme für Freifunk zur Verfügung stellen können. Von dem Vortrag gibt es einen Video-Mitschnitt und die Präsentationsfolien.