Erzähl uns deine Geschichte …
Kleinod aus dem 18. Jahrhundert: Die evangelische Kirche in Flamersheim (Foto: Meike Böschemeyer)
Die evangelische Kirche in Flamersheim hat einen Brief bekommen. Sie hat nämlich Geburtstag und wird in diesem Jahr 250 Jahre alt. Pfarrerin Dorothee Lindenbaum gratuliert ihrer Kirche mit sehr persönlichen Worten. Und ein einigen Fragen:
Liebe Gemeinde! „Liebe Gemeinde“, so beginnen Andachten in Gemeindebriefen meist, vermutlich auch in in unserem Heft. Aber diesmal möchte ich einer anderen einen Brief schreiben, einen Gruß an eine, die immer still mitliest. Ihr kennt sie alle.
Liebe Flamersheimer Kirche, ich grüße dich. Ich weiß gar nicht recht, wie ich dich ansprechen soll, „Flamersheimer Kirche“ fühlt sich so förmlich an, aber ich kenne deinen Vornamen nicht. Und trotzdem duze ich dich einfach, weil siezen noch seltsamer wäre. Wir kennen uns noch nicht lange, aber ich habe mich bei dir direkt willkommen gefühlt. Deinen Mauern – verzeih, wenn ich das so sage – sieht man an, wie alt du bist. Und zugleich wirken deine Steine ganz warm, als hätten sie die Sonne aus mehreren hundert Sommern gespeichert. Ich habe meine Hand auf deine graue Haut gelegt und gespürt: Hier ist es gut.
Liebe Kirche, hast du die Sommer mitgezählt? 250 Jahre alt wirst du in diesem Jahr! Sehe ich da ein Lächeln über dein Portal huschen? Fröhlich knackst du mit deiner Orgelempore und lässt ein paar Bänke knarzen. Herzlichen Glückwunsch, mein altes Haus! Deine Seele ist sogar noch gute 200 Jahre älter als du (seit Mitte des 16. Jahrhunderts gibt es evangelische Gläubige in Flamersheim), aber deine Seele brauchte ein Zuhause aus Stein. Und so wurdest du gebaut.
Erinnerst du dich noch?! 1775 hast du deinen ersten Gottesdienst gefeiert, noch ohne Turm. Weißt du noch, wer da in deinen Bänken saß? Hast du den Klang der ersten Lieder noch im Holz? Und dann kamen deine ersten Glocken – wie aufregend das gewesen sein muss, dein erstes Läuten! Eine richtige Kirche mit Glockenturm wurdest du. Wie mächtig es sich anfühlen muss, wenn der Schlag durch deine Mauern dröhnt … oder kitzelt es im Fundament? Mit lauter, fester Stimme rufst du seitdem deine Gemeinde zum Gottesdienst: geduldig, freundlich, stetig. Manches Mal lockst du, mahnst zu anderer Zeit. Du hast so viel erlebt, es würde locker drei lange Menschenleben füllen. Als deine Steine noch jung waren, komponierte in Salzburg der junge und wilde Mozart, litt in Weimar ein unglücklich verliebter Goethe (Generationen von Schülerinnen und Schülern hätten ihm und sich „die Leiden“ gern erspart) und ein gewisser Ludwig van aus Bonn lernte gerade erst schreiben und rechnen. Von all dem wusstest du hier in Flamersheim vermutlich nichts – oder rufen sich Kirchen über Kilometer hinweg Dinge zu? Schickt ihr euch Botschaften per Kirchmaus? Oder gar: Luftpost per Kirchturmfledermaus?

Verzeih, dass ich dich so löchere mit meinen Fragen! Deine Geschichte berührt mich, und zugleich habe ich das Gefühl, dass meine Gedanken bei dir sicher aufgehoben sind. Du kennst das vermutlich schon, so wird es wohl vielen Menschen gehen, wenn sie dich treffen. So viele geflüsterte Gebete wirst du gehört haben, in neugierige Augen von Täuflingen geblickt haben, unruhige Konfi-Hände auf deine Bänke klopfen gespürt haben. Was du erlebt hast, dazu bräuchtest du wohl 250 Jahre, um uns davon zu erzählen. Wie schön es war, als du mit deinen beiden Geschwistern gemeinsam über den Marktplatz geschaut hast, mit deinem katholischen Bruder und deiner jüdischen Schwester. Wie sehr ihr geweint habt, als eure Schwester 1938 durch grauenvolle Gewalt von euch genommen wurde, wie so viele andere Synagogen auch, wie so viele viele unendlich viele Menschen auch. Ob du am liebsten in dich zusammengefallen wärst vor lauter Scham und Verzweiflung. Aber du stehst noch. Du kannst erzählen. Von ihr. Von Krieg. Von Frieden. Von Menschen. Erzähl uns deine Geschichte, die unsere Geschichte ist, immer wieder. Wir wollen zuhören.
Deine Dorothee
Aus: Impulse – Magazin der Evangelischen Kirchengemeinde Flamersheim, September – November 2025