„Die protestantische Unruhe erhalten“: die Theologen Thomas Kaufmann und Jörg Lauster im Gespräch

Das "1. Bonner Festival der Begegnungen", kontrovers und mit scharfer Relevanz für Gesellschaft und Kirche: beeindruckend und inspirierend zugleich, wen und was Pfarrer Siegfried Eckert in seiner Kirche zusammengeführt hat (Foto: J. Gerhardt)

Sie zählen zu den bedeutendsten protestantischen Theologieprofessoren  der Gegenwart – der Göttinger Lutherforscher Thomas Kaufmann und der Münchener Dogmatiker Jörg Lauster. Nun sitzen sie in der Bonner Pauluskirche zusammen, zwischen ihnen der Kirchenjournalist Matthias Dobrinski von der Süddeutschen Zeitung als Moderator. Das Thema „1517 trifft 2017 – wie Reformation weiter geht?“  ist so brisant wie kaum ein anderes in der evangelischen Kirche und ist auch auf den Gastgeber des Abends, Gemeindepfarrer Siegfried Eckert wie zugeschnitten. Schließlich hat er kürzlich in Wittenberg das bundesweiter „Forum Reformation“ ins Leben gerufen.

Christlicher Glaube ist weltweit gefragt

Weit sind der Historiker und der Dogmatiker nicht weit auseinander. Vor allem nicht in der oft erhobenen Forderung eines „Zurück zu Martin Luther“. Denn dieser war ein „Mensch des 16. Jahrhundert“  (Lauster), für den eine „multireligiöse Gesellschaft“ (Kaufmann) undenkbar war. Bereits zu Beginn des 17. Jahrhunderts wurde (vor allem von reformierter Seite) der Ruf nach einer „ecclesia semper reformanda“ (einer sich ständig erneuernden Kirche) laut. Für Lauster ist die Reformation ein ewiger Protest. Für Kaufmann ist die christliche Religion eine universelle, die keinen Mensch ausschließt und darum auch globalisierungsfähigste, weil im Mittelpunkt  nicht die Kirche, sondern Jesus Christus stehe. Auch heute stehe das reformatorische Christentum im Weltmaßstab die rasanteste Form dar. Leider habe das europäische Christentum Afrika, Asien und Lateinamerika weithin den Evangelikalen und den Pfingstkirchen (für Lauster „ein Universum für sich“) überlassen.

Einig sind sich die beiden prominenten Theologieprofessoren auch in diesem Punkt: Der Protestantismus ist auf eine „kritische Theologie“ angewiesen (Kaufmann) und Lauster fordert: „Die Zukunft der Kirche liegt in einer gut ausgebildeten Pfarrerschaft“. Da die Menschen zunehmend über eine gute bis akademische Ausbildung verfügen, wollen sie auch eine „Religion auf gutem Niveau“. Für Lauster dürfen die Pfarrerinnen und Pfarrer nicht länger mit „einstürzenden Kirchengebäuden“  beschäftigt werden, zumal es schon mit der Reformation im 16. Jahrhundert, so Kaufmann, viele Wallfahrts- und Klosterkirchen sowie  Kapellen überflüssig wurden.

Sowohl Kaufmann als auch Luster können das Lamentieren über die abnehmenden Mitgliederzahlen und die Angst vor der Zukunft der Volkskirche nicht mehr hören. Schließlich stehen die Protestanten mit 22 Millionen Mitgliedern in Deutschland doch gut da. Selbst wenn diese Zahlen noch weiter zurückgehen, bleiben die Kirchen in Deutschland die größte gesellschaftliche Kraft. Das Jammern ist also nicht nur falsch, sondern bringt auch nichts.  Er kämpft gegen die Verlustangst und hält nichts davon, dass beispielsweise junge Menschen im Blick auf die Kirche wie auf der Titanic stehen und sich fragen, wie lange hält sie noch.

Zwar ist das „semper reformanda“ laut Luster „ungemein anstrengend“  und die Menschen brauchen auch in ihrer Kirche Verlässliches.  Doch das habe mit der Konservierung Luthers nichts zu tun. Doch immer wieder verweist er darauf, dass die „Kirche kein Selbstzweck“ ist und  ist in ihrer jetzigen Form auch „nicht für alle Zeiten festgeschrieben“: „Die Parochie wird nicht zu halten sein.“  Auch wenn der Kirchenhistoriker Kaufmann  freimütig bekennt: „Ich habe keinen Bock auf immer neues semper reformanda“, so besteht doch Einigkeit: Das Christentum (damit auch die Kirche) hat Zukunft, wenn es immer wieder neu fragt, wer Jesus Christus für die Menschen ist und überzeugende Antworten gibt.

Das ist nicht nur für Kaufmann das Zentrale der Reformation. Dazu komme, dass die evangelische Kirche die „Gemeinschaft der Verschiedenen“ sei und bleibe. Dem steht auch Lausters „Es gibt kein bloßes Zurück zu Luther“ nicht im Wege: „Jeder will authentisch leben, will anerkannt sein.“ Damals wie heute und morgen: „Die christliche Botschaft ist in unsere Zeit zu übersetzen und nicht alte Dinge immer wiederholen.“

Ökumenische Gemeinschaft praktizieren

Für die Ökumene bleibt in diesem spannenden Dialog nur wenig Zeit. Auch die römisch-katholische Kirche ist heute nicht mehr die, die sie zu Luthers Zeiten war. Auch sei anzuerkennen, dass Papst Franziskus versuche, „das Ruder herumzuwerfen“. Kaufmann, der in der „Kirche der Verschiedenen“ mit einer „kritischen Theologie“ leben möchte, fordert dazu auf, „ökumenischen Gemeinschaft zu praktizieren“: „“Endlich zu praktizieren.“  Seine Forderung: „“Friedliche Koexistenz“. Auch Luster ist für „ökumenische Freundschaft“ und bringt sieir unter dem schallenden Gelächter der Zuhörer auf die Formel: „Getrennt marschieren, vereint zuschlagen.“

Weitere Infos zum ganzen Programm des 1. Bonner Festival der Begegnungen vom 18.-25.112018 in der Friesdorfer Pauluskirche finden Sie hier.

 

K Rüdiger Durth / ger / 22.11.2018

Geschrieben von Kirchenkreis am 26. November 2018