Dicht am ganzen Leben

Pfarrer Bernd Kehren am Einstellungstag am 16. März im Evangelischen Kirchenamt für die Bundeswehr in Berlin. Foto: privat

Pfarrer Bernd Kehren wechselt nach Mayen in die Militärseelsorge. Seit 2015 war er in der Krankenhaus- und Altenheimseelsorge tätig, als Pfarrer mit besonderem Auftrag. Seine Einsatzgebiete waren das Marienhospital in Euskirchen sowie verschiedene Senioreneinrichtungen in Zülpich und Swisttal. Bereits von 2004 bis 2009 war Kehren Pastor für Schulgottesdienste und Altenheimseelsorge. Ein Abschieds-Interview.

Herr Kehren, was reizt Sie an der Miltärseelsorge?

Ich glaube, spätestens in einem Auslandseinsatz gibt es kaum einen Seelsorgebereich, in dem man so dicht am ganzen Leben der Menschen teilnimmt wie in der Militärseelsorge. Das betrifft die Angehörigen der eigenen Truppe, aber – mit gewissen Einschränkungen – auch Menschen im Einsatzland.
Und: Die Militärseelsorge stellt die eigene Theologie noch einmal kritisch auf die Probe. Wir leben nicht im Paradies, sondern in einer ständig gefährdeten Welt. In einem der reichsten Länder der Welt vergisst man das gerne – auch in der Theologie. Die Altenheimseelsorge oder die Zuständigkeit für die „Sammelbestattungen“ der Fehl- und Totgeburten waren da aber eine gute Vorbereitung.

Wie sieht Ihre Arbeit konkret aus?

Ich bin genau mit dem Shut-Down gestartet und habe vieles noch gar nicht kennen lernen können. Dafür aber einen guten Teil der Bürokratie, auf die ich mich nun ganz neu einlassen darf. Aber es gibt nette Kolleginnen und Kollege in anderen Dienststellen, die ich jederzeit anrufen kann.

In Ihrer Zeit als „freier“ Theologe sind Sie mit vielen Menschen zusammengetroffen, die der Kirche den Rücken gekehrt hatten. Werden Sie von dieser Erfahrung profitieren?

Ein klares Ja. Wobei: Die Bibel beginnt mit der Erschaffung „des Menschen“ – nicht „des Christen“. Ich habe Christen erlebt, die sehr angstbesetzt gestorben sind und Atheisten, die geradezu getröstet starben. Wir sind alle nur Menschen. Am Standort gibt es auch muslimische SoldatInnen und MitarbeiterInnen oder Menschen, die aus der Kirche ausgetreten sind. Ich erlebe bei allen eine große Offenheit. Wenn man so will: Von solchen Erfahrungen profitierte ich damals – und heute wieder.

Sie haben ja schon einige Arbeitsfelder beackert. Tut Abwechslung auch Pfarrer*innen gut?

Ich war ja nie in einer „regulären“ Pfarrstelle und kenne eigentlich nur den Wechsel – bis in die Arbeitslosigkeit. Etwas weniger „Abwechslung“ hätte mir sicher gutgetan. Auf der anderen Seite waren alle diese Erfahrungen gut, um meine eigene Theologie zu erden. Eine Empfehlung für andere PfarrerInnen möchte ich daraus nicht ableiten.

Was werden Sie an Ihrer Arbeit hier vermissen?

Mir fehlen die Altenheimgottesdienste. Sie haben unendlich Spaß gemacht. Nirgendwo habe ich es geschafft, so frei von der Leber und so direkt zu predigen wie dort. Vielleicht noch in den Oasenzeit-Andachten, einem Kurzformat, dass wir im Marien-Hospital gemeinsam entwickelt hatten.

Bernd Kehren, 1961 geboren in Essen, ist verheiratet und hat drei Söhne.

Geschrieben von Dr. Uta Garbisch am 16. Juni 2020