Am Telefon verbunden

18 Uhr-Gebet für Menschen ohne Internet: „Wenn Du mitbetest, entsteht ein starkes Band. Wer mag, schließt die Augen.“ Mit ruhiger Stimme ist Jan Gruzlak auf dem Ansageband zu hören. Der Bad Godesberger Gemeindepfarrer veröffentlicht jeden Abend um 18 Uhr eine neue Telefonandacht. Das Besondere: Jeder und jede kann seine Worte im Festnetz anhören. Kostenlos, es entstehen nur die Kosten für ein übliches Ortsgespräch, meist durch eine Flatrate abgedeckt.

„Ich habe mich gefragt, was ist den Leuten ohne Internet? Wie kann ich die erreichen?“, erzählt der Seelsorger der Johannes-Kirchengemeinde. Er hat im Netz gesucht und die Telekom angeschrieben. Zunächst Fehlanzeige. Oder zu teuer. Dann meldete sich Sven Behrens von der Telekom bei ihm. Er ist dort Geschäftskundenberater für kleine und mittelständige Unternehmen, zuständig unter anderem für Bad Godesberg, Meckenheim, Rheinbach und die Region. Und als Heiderhofer auch Gemeindemitglied. Zusammen mit dem Bonner Unternehmen Roesberg IT hat er sehr rasch eine Lösung gebastelt.

Wer die Nummer 0228 – 97 27 59 31 anruft, hört Gruzlak sprechen. Seine Nachrichten sind kurz, maximal vier Minuten.. Die Technik funktioniert ähnlich wie in einer Warteschleife. Nur dass man nicht vertröstet wird, sondern im besten Fall getröstet. Das Band springt an, die Botschaft ist zu hören. Theoretisch ist das weiter ausbaubar. Taste 1 für Gründonnerstag, 2 für Karfreitag, 3 für Ostersonntag. „Ich glaube, wir haben eine kleine Marktlücke entdeckt“, freut sich Behrens, der das in diesen Tagen alles mit kleiner Tochter im Hintergrund von Zuhause im HomeOffice regelt. Die Kosten halten sich in Grenzen. Pro Box rechnet er mit einem Betrag ab etwa 50 Euro netto monatlich. Die benachbarte Erlöser-Kirchengemeinde hat bereits Interesse signalisiert.

Jan Gruzlak. Foto: Kirchengemeinde

Pfarrer Gruzlak hat mit seinem Angebot vor allem Seniorinnen und Senioren im Blick. So bekam er eine Nachricht, dass jemand die Nummer seit Veröffentlichung jeden Tag angehört hat. Seniorenkoordinatorin Lili Krieger weiß, dass etliche Ältere sich streng an 18 Uhr halten und darauf freuen. „Sie fühlen sich auch spirituell miteinander verbunden“, erklärt Gruzlak. Grundsätzlich ist der Text dann für 24 Stunden zu hören. Beim Start am letzten Sonntag gab es gut 30 Anrufe. Das ist natürlich noch ausbaubar. Die Gemeinde rührt die Werbetrommel. Jan Gruzlak setzt auch für die Enkelgeneration. Sie könnten die Nummer an ihre Großeltern weitergeben mit der Frage: „Hör das doch mal an, ob es Dir gefällt.“

Der Pfarrer nimmt die Telefonandacht zuhause auf, bearbeitet sie kaum. Einzige Investition: Ein Mikrophon. Bei den Texten hält er sich an den ökumenischen Bibelleseplan. Das Lesen gehörte schon vorher zu seiner Morgenroutine. Nur eben ohne Aufnahme. Er ist sich sicher: „Das ist sicher auch ein schönes Angebot für die Zeit nach Corona.“ Für alle, die sonntags nicht können oder wollen. „So können wir Kontakt halten.“

Geschrieben von Dr. Uta Garbisch am 26. März 2020