70 Jahre Grundgesetz und der Wert der Religionsfreiheit

Eine starke Diskussion moderiert von den Leitern der kirchlichen Bildungswerke in Bonn Martin Engels (links) und Dr. Johannes Sabel (rechts) / (Foto: Sandra Kern)

Unter der Überschrift „Bonner Tage der Demokratie“ diskutierten u.a. Lamya Kaddor, Michel Friedman und Irmgard Schwaetzer in der Kreuzkirche über Sinn und Wert der Religionsfreiheit heute. K. Rüdiger Durth berichtet von einer anregenden Veranstaltung:

Die Bildungswerke der beiden großen Volkskirchen in der heutigen Bundes- und ehemaligen Bundeshauptstadt beteiligten sich mit einem Gottesdienst und einer Podiumsdiskussion in der Kreuzkirche an den „Bonner Tagen der Demokratie“ aus Anlass des 70. Jahrestages des Grundgesetzes, das am 23. Mai 1949 in Bonn verkündet wurde und damit den Grundstein für die Bundesrepublik Deutschland legte.

Der Vorsitzende des Evangelischen Forums, Martin Engels: „Wir wollen gemeinsam ein starkes Zeichen des Dialogs setzen, gerade in Zeiten des Populismus und der wachsenden antidemokratischen Strömungen.“ Johannes Sabel, Leiter des Katholischen Bildungswerk Bonn, der zusammen mit Engels die Diskussion nach dem Gottesdienst leitete, erinnerte an die Entstehungszeit des Grundgesetzes, in der noch die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung einer christlichen Kirche angehörte:
„Doch heute ist diese kulturell-religiöse Selbstverständlichkeit nicht mehr vorhanden. Wir erleben die Nagelprobe des Artikels 4 des Grundgesetzes in einer kulturell, religiös und weltanschaulich hochpluralen Gesellschaft.“ Die Teilnehmer der Podiumsdiskussion erlebten spannende Debatte – sachlich, informativ, Gegensätze nicht ausblendend. Also im besten Sinne interreligiös. Durchaus auch ein Verdienst der beiden Moderatoren Engels und Sabel. Zu Gottesdienst und Diskussion waren auch die Superintendenten Eckart Wüster (Bonn) und Mathias Mölleken (Bad Godesberg-Voreifel) gekommen.

Präses Rekowski predigte bei den „Bonner Tagen der Demokratie: „Gott sei Dank für das Grundgesetz“

„Für die grundgesetzlich seit 70 Jahren garantierten Freiheitsrechte können wir ohne Wenn und Aber sagen: Gott sei Dank.“ Dies erklärte der leitende Geistliche der 2,2 Millionen Mitglieder zählenden Evangelischen Kirche im Rheinland, Präses Manfred Rekowski, in seiner Predigt. Präses Rekowski erinnerte in seiner Predigt daran, dass nur rund vier Prozent der Weltbevölkerung uneingeschränkte zivilgesellschaftliche Freiheiten genießen. Und unter Hinweis auf den Römerbrief (Kap. 12, Vers 2) des Neuen Testaments fuhr der Präses weiter fort; „Paulus fordert uns auf, unangepasste Zeitgenossen zu werden, Dabei geht es wohl „darum, dass sich die Christen den Regeln des gesellschaftlichen Egoismus verweigern, dass sie nicht den Marktgesetzen, gesellschaftlicher Wertschätzung folgen und nicht am zwischenmenschlichen Macht- und Konkurrenzkampf teilnehmen, der das Schema dieser Welt kennzeichnet. ‚So soll es bei euch nicht sein‘, sagt Jesus angesichts der Unterdrückungs- und Beherrschungsstrategien in der Menschlichen Gesellschaft und setzt den Maßstab gegenseitiger Hilfe dagegen.“

Die freiheitlich-demokratische Grundordnung findet, so der rheinische Präses, die Unterstützung von Christenmenschen: „Hier gehen wir nicht auf Distanz. Aber das sieht anders aus, wenn es um die jeweils konkret gemachte Politik geht. Hier sind immer wieder Abstand, Distanz und Kritik gefordert.“ Als konkrete Beispiele nannte er unter anderem: „Wir laufen nicht mit, wenn Konsum die Maxime ist, Rohstoffe verschwendet, Textilarbeiterinnen ausgebeutet werden. Wir brüllen nicht mit, wenn Rassismus und Antisemitismus sich wieder ausbreiten – in unserem Land, in Europa, in der Welt. Wir schauen nicht weg, wenn fast viereinhalb Millionen Kinder in Deutschland von Armut bedroht sind.“ Abschließend stellte der leitende Geistliche der rheinischen Protestanten fest: „Christenmenschen sind nicht Schmieröl im Getriebe der Welt, sondern wir sind Sand im Getriebe der Welt.“

Michel Friedmann: „Eine wunderbare Verfassung“

Bei der sich anschließenden Podiumsdiskussion über das grundgesetzlich garantierte Recht der Religionsfreiheit würdigte der jüdische Jurist und Publizist Michel Friedmann (Frankfurt) das Grundgesetz als „wunderbare Verfassung“, fragte aber, ob es tatsächlich im Blick auf die Religionsfreiheit wirklich so neutral sei, wie es das vorgebe. Religionsfreiheit sei dazu da, die Freiheit zu schützen. „Kritisch“ bewertete er den Umgang mit den Muslimen, die viele christliche Vorteile des Staates nicht genießen könnten wie Steuerrecht, durchgängigen Religionsunterricht oder religiöse Feiertage. Hier werde immer mit der „Quantität“ argumentiert, doch diese dürfe im Blick auf die religiöse Bindung der Bürger überhaupt keine Rolle spielen.

Die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor (Duisburg) nannte es einen Fehler, immer aus der Sicht der Religionsgemeinschaften andere zu beurteilen. Es dürfe nicht sein, dass die Christen immer der Ausgangspunkt für die Beurteilung der Moslems sei. Es sei ein „Unding“, die Moslems immer noch als Fremde anzusehen. Kritisch setzte sie sich mit der Diskussion um ein Kopftuchverbot für Grundschülerinnen wie in Österreich auseinander, obwohl sie selbst gegen Kopftücher für Grundschülerinnen ist, Zum einen gebe es keine Zahlen, wie viele Kinder ein solches tragen würden (ihrer Meinung sehr wenige). Vor allem aber würden Verbote immer wieder neue Gegensätze schaffen. Wichtig sei das Gespräch mit den Eltern. Leider sei das Klima im Gespräch mit den Moslems in Deutschland „sehr vergiftet“.

Für den katholischen Theologieprofessor Eberhard Schockenhoff (Freiburg) zeichnet sich der zur Neutralität verpflichtete Staat durch eine „wohlwollende Toleranz“ gegenüber den Kirchen aus. Der Staat dürfe sich nicht „in den inneren Kern des Menschen“ einmischen, zu dem nun einmal der Glauben gehört. Und seit dem 2. Vatikanischen Konzil habe jeder Mensch ein Recht auf Religionsfreiheit, Gegen Pluralismus und Säkularismus sollten die Religionen gemeinsam zusammenstehen. Niemand könne ein Interesse daran haben, christliche Traditionen auf dem Hintergrund des Grundgesetzes zurückzudrängen.

Aufforderung zu mehr Toleranz unter den Religionen

Die Präses (Vorsitzende) der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), die frühere Bundesministerin Irmgard Schwaetzer (Berlin), forderte der Religionsgemeinschaften auf, untereinander tolerant zu sein. Die „Friedensfähigkeit“ aller Religionen sei sehr wichtig und die grundgesetzlich garantierte Religionsfreiheit habe ein „großes Friedenspotential“. Zugleich sollten sich christliche Gemeinden für die Moslems im Lande einsetzen und sich dafür einsetzen, dass sich die Muslime in Deutschland „angenommen“ fühlten. Das Eintreten der Christen gegen jede Form von Judenhass müsse eine Selbstverständlichkeit sein. Mit Nachdruck kritisierte sie die Berliner Entscheidung, den Internationalen Frauentag zum staatlichen Feiertag in der Bundeshauptstadt zu erklären.

 

Kirchenkreis Bonn / 19.05.2019

Geschrieben von Kirchenkreis am 20. Mai 2019