Helfen, wo Hilfe gebraucht wird

Handyfoto mit zerstörtem Sozialkaufhaus der WABe in Aachen. Foto: Schulze/DHK

Genau ein halbes Jahr ist seit der Hochwasserkatastrophe in NRW und Rheinland-Pfalz vergangen. Während die Welt sich weiter dreht, sind die Menschen in den betroffenen Regionen mit dem Wiederaufbau ihrer Häuser und ihres Lebens beschäftigt. Mit 7,5 Millionen Euro hat die Diakonie sie dabei unterstützt, auch in den Flutgebieten der Voreifel. Weitere 24 Millionen Euro sind fest verplant für Wiederaufbau, Seelsorge und die Begleitung durch den „Behördendschungel“. Hier beschreibt die Diakonie die Situation in Stolberg bei Aachen

Mit drei Transportern voller Werkzeug und Möbel sind die Mitarbeitenden der diakonischen Beschäftigungsgesellschaft WABe täglich in Stolberg bei Aachen unterwegs. Direkt nach der Flutnacht vom 14. Juli waren sie da, um den Schutt aus Häusern und Straßen zu räumen, den der Vichtbach, der mitten durch die 16.000 Einwohner-Stadt fließt, hinterlassen hat. Jetzt kommen sie, um beim Einbau von Heizungen und Böden oder beim Tapezieren und beim Aufbau von Möbeln zu helfen.

Hochwasserhilfe der Diakonie Katastrophenhilfe RWL. Grafik: Herbst/Diakonie RWL

500 Heizkörper der Diakonie Katastrophenhilfe Rheinland-Westfalen-Lippe seien verteilt und eine 600 Quadratmeter große Halle voller gespendeter Möbel und Kleider fast leer geräumt worden, erzählt Geschäftsführer Peter Brendel. Seit über zwanzig Jahren ist die Aachener Beschäftigungsgesellschaft mit ihren Projekten für langzeitarbeitslose Menschen in Stolberg aktiv. Fast dreißig von ihnen sind in vier Sozialkaufhäusern beschäftigt. Drei der Häuser mussten nach der Flutkatastrophe geschlossen werden. „Nun sind unsere Mitarbeitenden mobil unterwegs, um den Menschen hier in Stolberg zu helfen.“

Bei rund 10.000 Einwohnern hat das Hochwasser zum Teil gravierende Schäden in ihren Häusern und Wohnungen hinterlassen. Staatliche Hilfs- oder Versicherungsgelder seien bislang nur spärlich geflossen, erzählt Peter Brendel. Umso mehr sind die Menschen auf die praktische Hilfe der Diakonie und auf Möbel- und Kleiderspenden angewiesen. „Und jetzt bitten immer mehr Stolberger um Hilfe, bei denen die Feuchtigkeit vom Erdgeschoß in die zweite und dritte Etage zieht und Schimmel verursacht.“

Herzstück der Hilfsaktion: mobile Teams

So wie in Stolberg geht es vielen Menschen in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. In neun Regionen ist die Diakonie daher mit mobilen Teams aktiv, um den betroffenen Menschen zu helfen, Anträge für staatliche Hilfen zu stellen und mit Spendengeldern zu unterstützen. Die insgesamt 60 Mitarbeitenden der Teams besuchen täglich verschiedene Orte. Mit dabei sind Seelsorger der Evangelischen Kirche im Rheinland, die ein offenes Ohr für alle Nöte haben – auch die nicht-materiellen.

Rund 7,5 Millionen Euro sind bislang von der Diakonie Katastrophenhilfe und der Diakonie RWL als unbürokratisch ausgegebene Soforthilfen und Haushaltsbeihilfen ausgezahlt worden. Es wurden Bautrockner und mobile Heizgeräte verteilt. Für weitere Hilfsprojekte sind bereits rund 24 Millionen Euro fest verplant. Der größte Teil der Spenden wird in den Wiederaufbau fließen, aktuell sind dafür mindestens 15 Millionen Euro vorgesehen.

Unterwegs in „vergessenen“ Regionen

Dass bislang noch nicht mehr Spendengelder direkt bei den Betroffenen angekommen sind, hat mehrere Gründe. Einer hat mit der deutschen Bürokratie zu tun. Erst muss geklärt werden, wie viel Geld Staat und Versicherungen zahlen, bevor die Wiederaufbauhilfen der Diakonie ausgegeben werden dürfen. Privatpersonen werden 80 Prozent der Baukosten vom Bundesland erstattet. Wer für die verbleibenden 20 Prozent nicht selbst aufkommen kann, erhält Spendengelder.

Ein weiterer Grund liegt aber auch darin, dass viele Betroffene noch gar keine Anträge gestellt haben, zum Beispiel weil sie mit den Formularen überfordert sind oder schlicht nicht wissen, wo sie die Hilfe erhalten können. Gerade diese Menschen möchte die Diakonie erreichen. Dafür besuchen die Nothilfe-Koordinatoren der Diakonie Katastrophenhilfe Thomas Beckmann und Tommy Bouchiba derzeit die Regionen, die bislang weniger im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit stehen.

Das Problem der digitalen Welt

Dazu gehört auch die ländliche Region rund um Trier. Etwa 2.000 Haushalte sind in den verschiedenen kleinen Dörfern von der Flutkatastrophe betroffen, in denen viele ältere Menschen leben. „Sie sind technisch nicht gut aufgestellt und haben zum Teil kein oder nur ein sehr schlechtes Internet“, erzählt Carsten Stumpenhorst, Geschäftsführer der Diakonie Trier. Das mobile Team, das jeden Tag bis zu eine Stunde zu den Menschen in den Dörfern unterwegs ist, bringt dafür auch die Technik mit.

„Fast alle Anträge, die gestellt werden müssen, sind online. Unsere Mitarbeitenden helfen den älteren Menschen, Mailadressen einzurichten. Wo es kein W-LAN gibt, nutzen sie die Unterstützung der Vereine oder der Feuerwehr vor Ort.“ Kreativität ist also gefragt – und die Zusammenarbeit vieler Akteure, um den betroffenen Menschen dabei zu helfen, ihr Zuhause wieder aufzubauen.

Text: Sabine Damaschke, Grafik: Ann-Kristin Herbst, Fotos: Frank Schultze/DKH

Auszeit für junge Flutopfer

Jugendhaus Quelle in Kerken. Foto Kirchengemeinde

Heute reisen 20 Kinder und Jugendliche aus Bad Münstereifel an den Niederrhein. Sie alle sind von der Flut betroffen. Möglich macht dies die Kerkener Pfarrerin Karin Stroband-Latour. Sie hat  hat mit ihrer Gemeinde kurz nach der Flut der Gemeinde Bad Münstereifel angeboten, ihr Jugendhaus „Quelle“ kostenlos für eine Kinderfreizeit zu Verfügung zu stellen.

Die Fahrt für die Jungen und Mädchen im Alter zwischen drei und 16 Jahren fahren von Freitag bis Montag. Meist ist auch ein Elternteil dabei. Die Familien haben die Flut am eigenen Leib erlebt. Das reicht vom vollgelaufenen Keller und dem Miterleben der dramatischen Ereignisse bis hin zum verlorenen Haus.

Die Münstereifeler werden als Gäste rundum verwöhnt und können sich in Kerken ganz als Gäste fühlen und eine Auszeit nehmen. Einkauf und Kochen wird von Ehrenamtlichen die niederrheinischen Gemeinde erledigt. Das Team aus Janine Fries, seit August Jugendleiterin in Bad Münstereifel mit einer Ausbildung in Traumapädagogik, Uschi Gruß, Pädagogin in Elternzeit, und Pfarrerin Judith Weichsel kann sich also ganz auf die Gestaltung der gemeinsamen Auszeit konzentrieren.

Hilfsaktion

Brauner Schlamm, erhöhter Pegel: Der Godesberger Bach nach den schweren Regenfällen. Foto: Archiv

Spendenaufruf der Kirchen, Stadt Bonn, Caritas und Diakonie für die Opfer der Regenflut

Die Kirchen in Bonn starten in Abstimmung mit dem Oberbürgermeister und der Stadt Bonn einen Spendenaufruf für eine Hilfsaktion für die Opfer der jüngsten Regenflutkatastrophe in Bad Godesberg und Wachtberg. Hier Aufruf und Spendenkonto:

Die flutartigen Regenfälle und das darauf folgende Hochwasser haben in Teilen von Bonn und dem angrenzenden Rhein-Sieg-Kreis in den ersten Junitagen 2016 viele Familien in Existenznot gestürzt. Schlamm und Wasser in Kellern und Erdgeschossen haben in vielen Häusern Möbel und Elektrogeräte wie Herd, Waschmaschine oder Kühlschrank zerstört. Es fehlt an den täglichen Dingen des Lebens. Die Schäden sind zum Teil sehr hoch und die Menschen verzweifelt.

Unter dem Titel „Regenflut-Hilfe“ starten die beiden christlichen Kirchen und ihre Wohlfahrtsverbände jetzt eine Hilfsaktion für notleidende Familien. Die evangelische und die katholische Kirche rufen gemeinsam mit Caritas und Diakonie sowie der Stadt Bonn zu Spenden für die von der Regenflut betroffenen Menschen auf.

„Viele Menschen sind dadurch unverschuldet in Not geraten. Wir möchten sie nicht im Stich lassen“, heißt es in dem gemeinsamen Aufruf der Katholischen und Evangelischen Kirche in Bonn und dem Rhein-Sieg-Kreis. „Wir hoffen schnell auf viele Spenden, um kurzfristig und unbürokratisch helfen zu können“, erklären Stadtdechant Msgr. Wilfried Schumacher sowie die Superintendenten Mathias Mölleken und Eckart Wüster.

Alle Informationen auch unter: www.katholisch-bonn.de und www.bonn-evangelisch.de

Spendenmöglichkeiten

Überweisung – Sonderkonto
Gemeindeverband Bonn, Konto-Nummer 60400, Sparkasse KölnBonn, „Regenflut-Hilfe“
IBAN DE14 3705 0198 0000 0604 00 – BIC COLSDE33XXX

Online-Spendenkonto bei der DKM-Bank Münster
https://www.dkm-spendenportal.de/m/projekt/regenflut-hilfe.html