Flutengel entsandt

An ihren blauen Jacken erkennbar: die "Flutengel 2.0". Foto: Uta Garbisch

In den Flutgebieten in der Voreifel und Euskirchen sind die Hilfe-Teams schon seit Wochen unterwegs. Jetzt haben Kirche und Diakonie ihre Mitarbeitenden in einem Gottesdiensten in Euskirchen auch offiziell auf den Weg geschickt. Sie wollen die Menschen in den Überschwemmungsgebieten in den kommenden Monaten verlässlich begleiten und unterstützen. Den Helferinnen und Helfern rief Präses Latzel in Euskirchen zu: „Laufen Sie sich um Gottes und der Menschen willen die Hacken ab. Ich zahle Ihnen gerne neue Schuhe.“

Wie die Hilfe konkret aussieht

Nadine Günther-Merzenich, Leiterin des Euskirchener Regionalteams der Diakonie Katastrophenhilfe, berichtet: „Wir bieten handfeste Unterstützung an. Wir begleiten Menschen zu Terminen. Wir motivieren sie, den nächsten Schritt zu gehen. Viele sind im Alltag ohnehin stark eingebunden, weil sie Beruf und Familie unter einen Hut bringen müssen. Jetzt sollen sie auch noch einen Hausstand neu aufbauen. Wir begleiten die Betroffenen bei diesen Herausforderungen. Die mobilen Teams helfen beispielsweise dabei, den richtigen Handwerker zu finden und Gelder zu beantragen. Oder sie stehen ihnen bei Problemen des Alltags zur Seite – zum Beispiel, wo man das Grundbuchblatt finden und seine Steuernummer anfordern kann.“

Die drei von der Seelsorge: Pfarrerin Claudia Müller-Bück (li.), Pfarrerin Judith Weichsel (re.) und Pfarrer Dirk Voos. Foto: Uta Garbisch

Pfarrerin Claudia Müller-Bück, Seelsorgerin in Swisttal, ergänzt: „Eine große Sorge der Menschen ist derzeit, wie sie über den Winter kommen. Häufig sind die Wände der Wohnungen abgeschlagen, die Böden fehlen. Wir helfen zwar mit Heizgeräten, aber es ist eben kein richtiges Zuhause.“ Insbesondere Kinder seien total verunsichert. Da Schulen, Vereine, Arbeitsstätten und ganze Ortschaften betroffen seien, fehle den Menschen Stabilität, das Vertraute im Alltag. Viele hätten im Keller und Erdgeschoss wichtige Erinnerungen wie Fotos oder den traditionellen Weihnachtsschmuck verloren. Bei Älteren, die noch einen Krieg erlebt haben, würden alte Narben wieder aufgerissen. „Als Seelsorgerinnen und Seelsorger hören wir zu. Und wir halten selbst das aus, was Menschen ihren Angehörigen nicht erzählen möchten, weil sie meinen, stark sein zu müssen – wir halten selbst die größte Hoffnungslosigkeit aus. Gleichzeitig überlegen wir gemeinsam, was früher in schwierigen Situationen geholfen hat und wie man der negativen Gedankenspirale entkommen kann“, sagt Pfarrerin Müller-Bück.

An blauen Annoraks erkennbar: die „Flutengel 2.0“

Das Team Euskirchen mit Vertreter:innen aus Kirche, Diakonie und Politik. Foto: Uta Garbisch

Evangelische Kirche im Rheinland, Diakonie Katastrophenhilfe, Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe und diakonische Einrichtungen vor Ort helfen gemeinsam. In insgesamt neun Regionen sind sozial-diakonische und seelsorglich-psychosoziale Teams im Einsatz – „Flutengel 2.0“, erkennbar an blauen Anoraks oder gleichfarbigen Westen: In den nordrhein-westfälischen Regionen Stolberg, Eschweiler, Euskirchen, Bonn/Voreifel, Erftstadt, Bergisches Land und Hagen/Sauerland sind derzeit 21 Mitarbeitende unterwegs, in den rheinland-pfälzischen Regionen Ahrtal und Trier/Eifel 14 Mitarbeitende tätig. Die Finanzierung sichern Spendenmittel, die evangelische Kirche und Diakonie nach der Flutkatastrophe erhalten haben.

Diakonie-Vorstand Heine-Göttelmann: „Bargeld allein reicht nicht aus“

Das Team Voreifel mit Marion Schäfer von der Diakonie Bonn und Region. Foto: Uta Garbisch

„Viele Betroffene benötigen jetzt Hilfe zur Selbsthilfe: Bargeld allein reicht hier oft nicht aus – die Menschen brauchen zusätzliche individuelle Begleitung“, stellte Diakonie-RWL-Vorstand Christian Heine-Göttelmann heraus. „Die Mitarbeitenden der mobilen Teams beraten deshalb zum Beispiel beim Ausfüllen von staatlichen Anträgen. Sie helfen dabei, Baugutachter zu finden. Sie leiten durch den Behördendschungel. Und sie vermitteln die passenden diakonischen Angebote. Die Mitarbeitenden haben aber auch ein offenes Ohr für alle Sorgen und Nöte: Es geht darum, erlebte Traumata zu verarbeiten und die schrecklichen Erfahrungen hinter sich zu lassen. Hier steht die seelsorgliche Begleitung im Vordergrund.“

Präses Latzel: „Das Wasser steckt weiter in den Mauern – und in den Seelen“

Präses Thorsten Latzel entsendet die Fluthilfeteams im Gottesdienst. Foto: Uta Garbisch

Dr. Thorsten Latzel, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, betonte in seiner Predigt in den Gottesdiensten in Bad Neuenahr-Ahrweiler und Euskirchen: „In den vergangenen vier Monaten wurde sehr viel geleistet. Häuser, Straßen, Brücken, Leitungen wurden wiederhergestellt. Es gab eine Spendenbereitschaft, wie wir sie selten erlebt haben. Politik und Zivilgesellschaft haben gemeinsam angepackt. Und dennoch fühlen sich viele Menschen alleingelassen. Weil die Hilfe, von der sie lesen und hören, bei ihnen noch nicht ankommt. Weil sie die Formulare nicht verstehen, weil die Heizung nicht geht oder weil ihr Leben einfach nicht wieder in die Spur kommt. Das Wasser steckt weiter in den Mauern – und in den Seelen.“ Deswegen würden jetzt „Flutengel 2.0“ gebraucht, Menschen, die den Betroffenen helfen.

Dr. Fritz Jaeckel: „Aus Ihrer Kraft erwächst Hoffnung“

Mit seiner Teilnahme am Gottesdienst in Euskirchen vertrat Dr. Fritz Jaeckel, Beauftragter des Landes Nordrhein-Westfalen für den Wiederaufbau in den Flutgebieten, den wegen eines kurzfristig anberaumten Landtags-Termins verhinderten Ministerpräsidenten Hendrik Wüst. „Verlust von Heimat und Sicherheit trägt in hohem Maße dazu bei, dass Menschen sich ängstigen. Viele Menschen sind müde und erschöpft“, sagte Jaeckel. Deshalb sei der Dienst der Helferinnen und Helfer gerade jetzt so wichtig. „Flutengel 2.0 – was für ein wunderbarer Begriff für Sie“, wandte sich Jaeckel an die mobilen Teams: „Aus Ihrer Kraft erwächst Hoffnung.“

„Müssen uns auf häufiger auftretende Katastrophen vorbereiten“

Martin Keßler, Direktor der Diakonie Katastrophenhilfe, stellte die Flut in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz in einen globalen Zusammenhang: Die Ereignisse in Deutschland zeigten, „dass wir uns alle weltweit auf stärkere und häufiger auftretende Katastrophen vorbereiten müssen“. Der Klimawandel sei real, und die katastrophalen Auswirkungen seien nun auch in Deutschland mehr ins Bewusstsein gerückt. „Die Vorbereitung der Bevölkerung und Verbesserung von katastrophenvorsorgenden Maßnahmen sind Teil unserer Hilfe in Deutschland. Es wird sicherlich einige Jahre dauern, bis die letzten Häuser wiederaufgebaut sind, aber wir glauben daran, mit den uns anvertrauten Spendengeldern eine bessere Vorbereitung auf künftige Katastrophen leisten zu können.“

ekir.de/gar

Geschrieben von Dr. Uta Garbisch am 18. November 2021